pma Basics: Pianoabnahme – Die Könige der Tasteninstrumente

Klaviere und Flügel sind mächtige Instrumente, schon aufgrund ihrer enormen Bauform. Auch der Klang dieser Schwergewichte ist so einzigartig wie komplex. Wie man diese Kolosse auf der Bühne richtig abnimmt und welche Alternativen es gibt, haben wir in unseren pma Basics zusammengefasst.

Von Piano bis Forte, von perlenden Läufen und lyrischen Melodien, von zarten Akkorden eines Erik Satie bis zum bluesgeschwängerten Groove eines Professor Longhair reicht das Klangspektrum eines Klaviers. Es ist wahrlich nicht leicht für Tontechniker, dieses große Spektrum an die Ohren unserer Zuhörer zu transportieren.
Um ein Instrument perfekt abnehmen zu können, ist es notwendig, dieses uch bis ins Detail zu verstehen. Wie und wo entsteht der Klang, wie wird es bedient und worauf legen die Musiker am Meisten Wert?

Kleine Instrumentenkunde
Zwischen Klavier und Flügel existieren Gemeinsamkeiten aber auch entscheidende Unterschiede. Direkt fällt natürlich die Optik auf. Das imposante Gehäuse eines Flügels macht im Studio und auf der Bühne eine Menge her. Klangliche Differenzen entstehen besonders im Bassbereich durch unterschiedliche Saitenlängen und einen entsprechenden Resonanzraum. Gerade bei großen Flügeln (über 1,80 Meter Länge) profitieren klanglich die unteren Oktaven.

In der Mechanik liegen weitere Unterschiede. Bei der aufrechten Saitenlage eines Klaviers schlägt der Hammer die Saite von vorne an, während bei einem Flügel der Hammer die Saite von unten trifft. Wie äußert sich das im Spielgefühl? Eine gute Flügelmechanik erlaubt eine schnellere Repetition. Dabei sind der Auslösepunkt und der Tastenweg unterschiedlich. Ebenso ist es für den Klavierbauer leichter bei einem Flügel eine präzise Justage der Dämpfer zu erreichen. Hier ist die Schwerkraft behilflich.
Das linke Pedal, welches für einen soften Klang verwendet wird, funktioniert unterschiedlich. Beim Klavier verkürzt es den Abstand vom Hammer zur Saite. Der Weg, den der Hammer zurücklegt, wird reduziert. Er beschleunigt nicht so lange und trifft mit weniger Schwung auf die Saite.

Beim Flügel verschiebt das linke Pedal Tastatur und Mechanik, sodass der Hammer nicht mehr wie sonst drei Saiten trifft, sondern nur zwei. Der Klang wird leiser und schlanker. Ein Klavierbauer kann die Mechanik fein einstellen und den Klang differenziert formen.
Das Abstrahlverhalten ist andersartig. Ein Klavier hat den Resonanzboden auf der Rückseite, strahlt also vom Spieler weg und nutzt meist die Reflexion einer Wand, während ein Flügel nach oben und unten wegstrahlt. Durch Öffnen oder Schließen des Deckels sind unterschiedliche Grundlautstärken und Sounds möglich. Der Flügel sollte mit etwas Abstand zu Wänden und Raumecken platziert werden.

Was gilt es bei Klavieren und Flügeln auf Tour zu beachten?

Vom Spielgefühl und der Optik ist ein imposanter Konzertflügel natürlich unvergleichlich. Trotzdem wird selbst bei großen Liveproduktionen immer wieder auf eine elektronische Alternative zurückgegriffen. Warum das?
Zeitfaktor: Kabel dran, Strom einschalten, fertig! Zeit ist Geld im Tournee-Betrieb. Anstatt einen Flügel aufwendig zu mikrofonieren, verwendet man lieber eine Alternative.

Platz/Truckspace: Kommt der Flügel mit ins Tourgepäck, braucht man Platz. Der halbe LKW ist schnell mit so einem Koloss voll. Das Stagepiano im Case ist da deutlich handlicher. Auch auf der Bühne benötigt ein Stagepiano weniger Stellfläche. Egal ob riesige Festivalbühne oder Clubtour – für eine MIDI-Tastatur ist immer Platz.

Konstanz: Nimmt man den Flügel der vor Ort steht, spart man sich natürlich die Logistik, hat aber jeden Abend ein anderes Instrument unter den Fingern. Das macht die Arbeit von Musiker und Tontechniker nicht einfacher. Jeden Abend der gleiche Sound dank Digitalpiano.

Übersprechen und Feedback: Ein mikrofonierter Flügel ist auf lauten Bühnen immer problematisch. Schnell mutieren die Flügelmikrofone zu Raummikros, die jede Menge Bühnenschall unkontrolliert aufnehmen. Der eigentliche Flügelklang wird dadurch nicht schöner. Da klingen die Line-Outputs eures Stagepianos oft besser.

Stimmung: Ein richtiges Klavier oder ein Flügel muss jeden Abend gestimmt werden. Das kostet Zeit und Geld.

Die Abnahme

a) Mikrofonierung im Instrument
Hier verwende ich gerne zwei Kleinmembran-Kondensatormikrofone (zum Beispiel: Neumann KM184, Rode NT5). Die kompakten Mikrofone positioniere ich über den Saiten. Je näher man an die Saiten und Hämmer herangeht, desto knalliger wird der Sound. Es hängt also davon ab, was ich erreichen möchte. Eher ein rockiges Bluespiano oder einen drahtigen Dancesound im Gegensatz zu einem warmen Klassik/Jazzsound. Spezielle Mikrofonclips erleichtern die Platzierung im Instrument.
Beim Klavier kann man entweder oben den Deckel öffnen oder aber die Vorderseite wegnehmen. Das macht die Platzierung von Mikrofonen einfacher. Der Musiker verliert dann allerdings seinen Notenständer.

Interessant kann eine Mikrofonierung mit einem Grenzflächen-Mikrofon sein. Unter dem Deckel platziert, kann man eine reizvolle Mono-Spur erhalten. Grenzflächen-Aufnahmen klingen sehr speziell, weshalb ich sie nie alleine einsetze. Sicherheitshalber lasse ich immer noch ein Stereo-Paar Kondensator-Mikrofone mitlaufen. So behalte ich die Flexibilität im Mix. Öffnet man den Flügeldeckel ganz, ist eine Mikrofonierung mit Großmembranern ebenfalls leicht möglich. Hat man auf der Bühne wirklich nur Klavier, hat man bei der Richtcharakteristik freie Wahl (Kugel, Acht, MS, Niere). Sobald aber Gesang oder andere Instrument am Start sind, sollte man das Übersprechen berücksichtigen. Nieren schirmen Schall besser ab.

b) Mikrofonierung am Instrument
Beim Flügel im Bogen lassen sich zwei Mikrofone in leichtem AB oder XY platzieren. Der Klang wird weicher und ausgewogener. Neben Kleinmembranmodellen verwende ich gerne ein Stereo-Paar Großmembran-Mics. Wenn der Raum gut klingt, probiert neben Nierencharakeristik auch ruhig mal eine Kugelcharakeristik aus.

Live kann die Mikrofonierung am Instrument für die Aufzeichnung oder Broadcast-Anwendungen benutzt werden, wenn die Bühnenlautstärke moderat ist, wie zum Beispiel oft bei Jazz, Klassik oder Chanson. Sobald nennenswertes Monitoring im Spiel ist, wird man schnell Feedbacks und Übersprechen bekommen.

c) weite Mikrofonierung
Für Studioaufnahmen oder Broadcast sehr reizvoll ist eine weite Mikrofonierung mit ein bis drei Metern Distanz.
Bei einer guten Raumakustik und einem gut eingestelltem Flügel (Stimmung, Intonation), muss man im Mixdown oft nur die Fader hochziehen und hat schon einen passenden Klaviersound. Kondensator oder Bändchen-Mikrofone eignen sich bestens für diese Aufgabe. Auch hochwertige Preamps sind eine Erleichterung, da eventuell einiges an Pegel aufgeholt werden muss.
Machen Sie sich aber bewusst, dass Sie auch hier reichlich Übersprechen erhalten werdet, sollten sich noch andere Schallquellen im Aufnahmeraum befinden.

d) Mikrofonierung in „Players-Position“
Eine Mikrofonierungs-Strategie, die ich gerne einsetze. Sie bringt gerade dem Musiker ein gewohntes Klangbild. Ich platziere ungefähr einen Meter von der Tastatur entfernt, auf Ohrhöhe zwei Mikrofone, die Richtung Instrument zeigen. Typischerweise erhalte ich so eine AB-Mikrofonierung, welche nicht nur Lautstärkeunterschiede, sondern auch Laufzeitdifferenzen zur Stereowirkung nutzt. Wenn Sie mehrere Mikrofonierungs-Konzepte miteinander verbinden, sind mögliche Phasenprobleme zu berücksichtigen. Die Ursache sind Laufzeitunterschiede von der Schallquelle zu den einzelnen Mikrofonen.

Hierbei werden bestimmte Frequenzbereiche abgeschwächt, andere hingegen verstärkt. Ein unausgewogener, manchmal hohler nasaler Klang, kann die Folge sein. Gerade die Bass-Sounds der linken Hand sind anfällig. Der Polaritätsumkehrschalter in der DAW ist eine erste Hilfe, ersetzt aber nicht die sorgfältige Platzierung aller Mikros.

Elektronische Instrumente

All diese Probleme kann man umgehen, wenn man auf elektronische Lösungen setzt. Digitalpianos findet man üblicherweise im häuslichen Umfeld. Neben einem gutem Klang legen die Hersteller Wert auf eine ansprechende Optik und verbauen (je nach Preisklasse) hochwertige Lautsprechersysteme mit in die Instrumente. Manche sehen einem akustischem Klavier zum Verwechseln ähnlich, bieten aber zusätzlich lautloses Üben (Kopfhörerausgang), unterschiedliche Sounds und historische Stimmungen auf Knopfdruck.
Stagepianos fühlen sich auf der Bühne richtig wohl. Hochwertiger und livetauglicher Sound, geringes Gewicht, Controller für ein ausdrucksstarkes Spiel, MIDI, Split und Transpose-Funktionen, XLR-Outputs sind Pluspunkte.

Sample-Libraries und Plugins waren einst für den Studioeinsatz gemacht. Dank leistungsstärkerer Laptops und passender Host-Software geht es mittlerweile aber auch on stage. RAM und Rechenpower stehen meist genügend zur Verfügung und so klingen die Pianos aus Bits und Bytes extrem realistisch. Begrenzte Polyphonie, fehlende Saitenresonanzen … all diese begrenzenden Faktoren sind nahezu Vergangenheit. Nadelöhr zum Pianohimmel ist hier meist Tastatur und Wiedergabesystem.
Manchmal schadet allerdings zu viel Realismus. Die Hochglanzsounds kommen eventuell druck- und konturlos aus der PA. Hier muss der Keyboarder nacheditieren.

Diesen Beitrag können Sie übrigens auch in unserer pma-Ausgabe 03/18 nachlesen!