pma Basics: Kameratechnik – Einblicke und Beispiele

Wir finden, es ist an der Zeit, mal wieder das Wissen – die Basics – aufzufrischen. Und was für den Profi eine gute Wiederholung ist, das hilft den Kollegen aus anderen Gewerken ein Stück mehr vom „großen Ganzen” der Produktion zu verstehen. Thema heute: Die Kameratechnik.

Wie der Titel „Basics” schon vermuten lässt, wollen wir an dieser Stelle nicht allzu tief ins Detail gehen. Ein Rigger wird hier nicht zum Kameraspezialisten. Wir wollen mit den pma Basics kurze, aber gehaltvolle Einblicke in andere Gewerke ermöglichen.

„Du stehst doch den ganzen Abend am FoH, kannste da nicht mal eine Kamera mitlaufen lassen?“ – Eine Frage, die viele Licht- und Tontechniker nur allzu gut kennen. Eigentlich nicht mein Job, aber mit etwas Grundwissen kann man mit wenigen Handgriffen ein gutes Video erstellen. Und das ohne die Arbeit am Pult zu vernachlässigen.

Auch wenn die Band oder der Kunde sich entschließt, ohne eigene Video-Abteilung auf Tour zu gehen, ist es sehr von Vorteil, wenn der Tour-Techniker mit solidem Grundwissen im Video-Bereich zur Hand gehen kann.

Ein wichtiger Punkt für gute Ergebnisse ist die Wahl der richtigen Kamera. Hier nun eine Übersicht über die wichtigsten Arten. Die Profimodelle aus dem Rundfunk- und Fernsehbereich haben wir absichtlich nicht mit in unsere Aufstellung genommen.

Kameratypen: Actioncams

Die ersten Action-Kameras entwickelte die Firma GoPro. Der surfbegeisterte Firmengründer fand einfach keine passende Kamera für sein Hobby. Handelsübliche Camcorder waren von Salzwasser und Stößen nicht sehr begeistert, Technik aus dem Profifilmlager nur extrem teuer und unhandlich. So entwickelte er kurzerhand selbst ein Produkt und schuf damit eine neue Geräteklasse.

Inzwischen gibt es wohl kaum eine Sportart, die noch nicht von Sportlern eigenhändig mit einer GoPro gefilmt wurde. Schnell wurden Musiker auf diesen Kameratyp aufmerksam. Klein, handlich, leicht, unauffällig: Perfekte Ausgangsbedingungen für die Bühne. Actioncams lassen sich durch Halterungen einfach an Instrumenten oder Equipment befestigen. Spezielle Klebeplatten erlauben eine Montage direkt am Instrument.

Selbstverständlich lässt sich die Platte rückstandslos entfernen, wer will schon Klebereste auf seiner teuren Strat? Bei der Tonqualität machen die kleinen Actionzwerge meist schlapp, die internen Mikros sind nicht der Brüller.

Zahlreiche Hersteller bieten Actioncams an. GoPro hat mit seiner Hero-Modellpalette sicher die weiteste Verbreitung, aber auch Sony verfügt mit der FDR-X Serie über ein heißes Eisen im Feuer. Andere Hersteller ziehen stetig nach. Von sehr günstigen Exemplaren würde ich allerdings abraten. Bei diesen ist nicht nur die Bild-/Tonqualität problematisch. Fehlende Bildstabilisatoren oder schlechte „Low-Light-Performance“ trüben den Spaß.

Kameratypen: Camcorder

Mit gemischten Gefühlen denkt wahrscheinlich mancher Leser an seine erste Begegnung mit einem Camcorder. „Unter Muttis Weihnachtsbaum“ oder „Onkel Walters schönste Ferienerlebnisse“ sind der Schrecken vieler Familientreffen. Auch wenn die Zeit solcher Werke wohl nie ganz vorbei ist, ist eines klar: Die Technik hat sich weiterentwickelt.

Moderne Kameras zeichnen auf kompakten Speicherkarten auf. Gehäuse und Gewicht schrumpfen ständig zusammen. Für rund 350 Euro wandern die ersten Camcorder über die Ladentheke. Wer mehr ausgibt, erwirbt bessere Optiken und ein Plus an Auflösung (4k).

Apropos Optiken: Objektive kann man bei den handlichen Camcordern nicht tauschen. Hier ist man auf verbaute Technik festgelegt. Wechselobjektive, wie man sie bei Digitalkameras findet, sind den teuren Modellen vorbehalten.

Einer der größten Vorteile der Camcorder ist ihre Aufnahmedauer. Ein ganzes Konzertset in einem Rutsch zu Recorden ist überhaupt kein Problem. Anschlüsse für Mikrofone erlauben den Tonmitschnitt. Gerade bei Einsteiger- oder Mittelklassemodellen können die Bildsensoren im Vergleich zu anderen Kameratypen qualitativ nicht mithalten.

Kameratypen: DSLR und Systemkameras

Seit einigen Jahren haben sich digitale Fotoapparate im Bereich Film vom Geheimtipp zum neuen Standard entwickelt. Neben den bekannten Spiegelreflexkameras (DSLR) macht sich eine zweite Kategorie breit. Systemkameras holen mächtig auf.

Anstatt wie bei einer DSLR, die mit Hilfe eines Spiegelsystems das Licht in den optischen Sucher oder auf den Sensor bringt, arbeitet eine Systemkamera ohne beweglichen Spiegel und mit einem elektronischem Sucher. Durch den Verzicht auf den Spiegel sind die Abmessungen kleiner, die Kameras unauffälliger und deshalb gerade für Reisefotografie oder Reportageeinsätze sehr beliebt.

Vorteile, die auch bei einer Platzierung auf der engen Bühne wichtig sein können. Ob man jetzt eine DSLR- oder eine Systemkamera bevorzugt, führt bei Profifotografen häufig zu hitzigen Diskussion, soll uns hier aber nicht weiter aufhalten. Andere Faktoren sind für das Ergebnis entscheidender.

Warum ist Filmen mit Fotoapparaten en vogue? Die Bildqualität, vor allem bedingt durch die Sensorengröße, ist in den letzten Jahren quasi explodiert. Professionelle Fotoapparate besitzen Vollformat-Sensoren (Sony Alpha 7s, Canon EOS 7D, …). Im Vergleich zu einer kleinen, kompakten Digitalkamera, ist der Sensor bis zu 30 mal größer. Es können mehr Details und Bildinformationen gespeichert werden.

Für Konzertaufnahmen besonders interessant ist die „Low-light-Performance“. Wie kommt die Kamera mit schwierigen Lichtsituationen zurecht? Ist wenig Licht vorhanden, können User den ISO-Wert hochsetzen und somit das gefilmte Material aufhellen. Leider steigt bei höheren ISO-Werten das Bildrauschen an, die Bildqualität wird schlechter. Hierbei verhalten sich Vollformat-Kameras gutmütiger als andere Modelle.

Ein Vollformatsensor ist im Vergleich zu einem APS-C Sensor um den Faktor 3 größer. Trotzdem sind mit APS-C Sensoren und guten Objektiven tolle Aufnahmen möglich. Die Sensorgröße liegt hierbei immer noch über der von meisten Consumer-Camcordern. Leider haben DSLRs und Systemkameras auch Nachteile, gerade für den Konzertfilmer.

Einer der Hauptnachteile ist die Aufnahmedauer. Bedingt durch das Dateisystem (FAT32), die Datenrate, zollrechtliche Beschränkungen und Überhitzung können keine Konzertsets am Stück gefilmt werden.Will man nur 1–3 Songs mitschneiden – kein Problem, aber nach rund 20 Minuten wird die Filmaufnahme gestoppt (und nicht automatisch wieder gestartet).

Wer mehrere DSLRs parallel einsetzt, kann durch unterschiedliche Startzeiten diese Lücke umgehen. Man muss akzeptieren, dass man für ein paar Sekunden, während man den nächsten Clip startet, eine Kamera weniger für den Schnitt zur Verfügung hat.

Objektive

Viel entscheidender als die Sensorgröße und die Frage, ob DSLR- oder Systemkamera, sind die verwendeten Objektive. Objektive sind für den Filmemacher das, was für den Recordingengineer Mikrofone darstellen. Sie haben einen großen Einfluss und sollten deshalb bei Investitionen noch vor irgendwelcher teurer Schnittsoftware oder Kamerarigs berücksichtigt werden.

Die Preisspannen sind hier gigantisch, noch größer als bei Mikrofonen. Die Range bewegt sich von rund 100 Euro bis zu den Regionen 50.000 Euro aufwärts.

Alle großen Kamerahersteller bieten für ihre Modelle eine umfangreiche Auswahl an Objektiven und auch Drittanbieter bedienen den wachsenden Markt. Teilweise lassen sich durch Adapterringe Objektive an Kameras anderer Hersteller montieren (Sonyobjektive an Canon-Kamera usw.).

Bevor man Objektive leiht oder kauft, sollte man sich unbedingt informieren, ob die gewünschten Teile auch an die Kameras passen. Schauen wir uns nun die wichtigsten Kriterien von Objektiven an.

Die Brennweite

Ganz grob gesagt, sagt die Brennweitenangabe, wie weit ein Objekt optisch ranholt, beziehungsweise wie stark die Kamera vergrößert. Sie wird in Millimetern angegeben. Man unterscheidet drei Hauptbereiche.

Weitwinkelobjektive besitzen eine Brennweite von ca. 18–35 mm. Ihr Blickwinkel ist größer als das menschliche Auge. Man bekommt viel Szenerie auf das Bild (z. B. bei Landschaftsfotografie) ohne vom Geschehen weit weg sein zu müssen. Man kennt diesen Blickwinkel aus unzähligen Kleinbildkameras, Handys etc. Das bedeutet aber nicht, das Weitwinkel nur in „einfachen“ Kameras eine Rolle spielt. Ganz und gar nicht. Für eine Bühnentotale wird man in der Regel eine Weitwinkeloptik verwenden.

Auch wenn Instrumentengruppen (Bläsersatz, Bassist und Schlagzeug, Backgroundchor) gemeinsam im Bild sein soll, ist eine kurze Brennweite optimal. Ein hochqualitatives Weitwinkel wird sich in jedem Kamerarucksack von Profifotografen finden.

Normalobjektive (ca. 40–60 mm) ähneln dem Bildauschnitt des menschlichen Auges. Eine der wichtigsten Brennweiten ist die 50-mm-Linse, welche bei der Porträtfotografie sehr gerne zum Einsatz kommt. Logisch, dass dies bei einem Konzertvideodreh ebenfalls eine attraktive Brennweite darstellt. Je nach der Distanz Kamera – Bühne können Gesichter oder ganze Personen abgelichtet werden. Ein 50-mm-Festbrennweiten-Objektiv ist wahrscheinlich das meistgekaufte Objektiv von Fotobegeisterten und einfache (aber nicht schlechte) Modelle wandern schon für knapp 100 Euro über die Ladentheke (Canon EF 50 mm / 1,8 STM, Sony SAL 50 mm 1:1,8).

Brennweiten über 60 mm sind sogenannte Telebrennweiten. Mit ihnen holt man weit entfernte Objekte nahe an den Betrachter, ähnlich wie bei einem Fernglas. Besonders Sport- oder Tierfotografen bedienen sich großer Telebrennweiten (300 mm bis 1.000 mm).

Sehr gute, lichtstarke Teleobjektive sind schnell eine teure Angelegenheit. Hier gilt es abzuwägen, was / wieviel man wirklich braucht.

Zwei wichtige Begriffe sollten wir uns beim Thema Brennweite noch anschauen. Bei vielen Objektiven könnt ihr verschiedene Brennweiten einstellen. So hat zum Beispiel das Canon-Kitobjektiv EF-S 18-55mm F3.5-5.6 IS II eine Brennweite, die sich von dezentem Weitwinkel bis in den Normalbereich bewegt (ähnliche Daten hat das Sony 18–55-mm-Kitobjektiv). Man spricht in diesem Fall von Zoomobjektiven. Sehr flexibel einsetzbar und beliebt.

Dem gegenüber stehen die sogenannten Festbrennweiten. Dieser Objektivtyp bietet nur eine fixe Brennweite. Will man ein Objekt näher ranholen, muss man den sogenannten „Latschenzoom“ verwenden. Also auf den Musiker zugehen. Schön, wenn das beim Konzert möglich ist, vielleicht wird das aber von Publikum oder Bühnenkante verhindert – oder man hat eben gerade etwas anderes zu tun.

Bevor man aber Objektive anhand ihrer Brennweite auswählt, muss noch der Begriff Cropfaktor erklärt werden. Brennweiten werden immer in Bezug auf das Bildformat (35mm) angegeben. APS-C-Sensoren sind kleiner und schneiden Bildränder ab (daher der Name, engl. crop = abschneiden). Das Ergebnis ist ein anderer Bildausschnitt.

Macht man mit einer Vollformatkamera und anschließend mit einer Kamera mit APS-C Sensor ein Foto und stellt die Brennweite am Objektiv identisch ein und verändert auch nicht die Distanz Kamera – Motiv, wirkt das Abbild des APC-C Sensors näher, der Bildausschnitt verändert sich. Man nennt das auch „scheinbare Brennweite“. Es wirkt so, als ob die Brennweite länger wäre als beim Vollformatbild.

Wer vergleichen will, muss die Brennweiten um den Cropfaktor umrechnen. Hat die Kamera also einen Cropfaktor von 1,5, dann wirkt eine 50-mm-Festbrennweite eigentlich wie ein 75-mm-Objektiv an einer Vollformatkamera. Weitere Unterschiede, Vor- und Nachteile wie veränderte Schärfentiefe bei Vollformat, werden wir in diesem Artikel allerdings nicht berücksichtigen.

Die Blende

Die Blendenzahl gibt u.a. an, wieviel Licht durch die Optik des Objektives auf den Sensor kommt. „Die Blende ist der Türsteher für das Licht“ (Zitat Benjamin Jaworskyi). Die Angabe erfolgt typischerweise als Bruch f1:x . Je kleiner dieses x (z. B. f1:1,8), desto mehr Licht fällt in die Kamera und desto bessere Ergebnis bekommt man in Situationen mit wenig Licht.

Gerade, wenn man in Clubs ohne Tageslicht dreht und die Bühne nicht superhell ausleuchtet, kann eine „kleine Blende“ (besser bezeichnet als kleine Blendenöffnung) hilfreich sein. Ein häufiges Missverständnis beruht auf der Tatsache, dass es sich bei der Blendenangabe um einen Bruch handelt. Beispiel: Blende 5,6 lässt weniger Licht rein als Blende 1,8 !

Fotografen können die Lichtmenge / Lichtausbeute zusätzlich über die Faktoren ISO-Wert und Belichtungszeit regulieren. Gerade letzteres steht Videofilmern nur eingeschränkt zur Verfügung. Wir können ja nicht mit einer 1 / 10 Sekunde belichten, wenn wir 24, 25 oder 30 Frames / Bilder pro Sekunde drehen.

Doch nicht nur die Lichtmenge wird durch die Blende beeinflusst. Sehr interessant ist auch die Schärfentiefe. Eine kleine Blende von beispielsweise 1,8 zeichnet ein Motiv nur in einem bestimmten Distanzbereich scharf. Häufig wird dieser Effekt bei Porträts eingesetzt. Die Person wird scharf abgelichtet, während der Hintergrund verschwommen ist.

Ein sehr beliebter Bildlook und Effekt, der auch mit dem Wort Bokeh beschrieben wird. Durch Bokeh kann man in einem Bild wichtiges von unwichtigem Trennen. Filmemacher setzen das ganz gezielt beim Dreh ein. Eine große / geschlossene Blende von z. B. 22 hingegen lässt Vorder- und Hintergrund gleichermaßen scharf aussehen.

Moderne Objektive bieten optische und elektronische Bildstabilisatoren, um Verwackeln zu reduzieren. Das ist auch alles ganz toll und wichtig, Einsteiger sollten allerdings mit Stativ filmen. Ungeübten wird es nur sehr schwer gelingen, ruhige Aufnahmen zu erzeugen, da helfen Stabilisatoren nur wenig. 



Diesen Artikel finden Sie auch in der pma Ausgabe 2/2017.