pma-Basics: In-Ear-Monitoring für die Band

Viele Bands schwören heute auf In-Ear-Monitoring. Diese kleinen Kopfhörer werden im Ohr getragen und sind von weitem kaum sichtbar. Bringen sie aber wirklich nur Vorteile mit sich und ist ein Umstieg immer sinnvoll? Wir haben in den pma-Basics die Antworten.

Es ist keineswegs eine neue Idee, Kopfhörer als Monitore zu verwenden. In Tonstudios war es schon recht früh eine gängige Praxis – auf der Bühne dagegen waren sie eher weniger populär. Und das hatte vor allem ästhetische Gründe: die Kopfhörer der Pionierjahr waren klobig und während einer Live-Show nicht unbedingt angenehm im Ohr zu tragen. Hauptsächlich wurden Schlagzeuger manchmal dazu verpflichtet, mit Kopfhörern zu spielen, da es somit möglich war, mit einem Clicktrack zu arbeiten, was in den Achtzigern zunehmend populärer wurde.

An allem ist der Alex schuld

Als einer der Pioniere des In-Ear-Monitoring gilt Schlagzeuger Alex van Halen. Aufgrund der enormen Lautstärke auf der Bühne hatte er oft große Probleme, seine Bandmitglieder während einer Show zu hören. Van Halens Monitor Engineer Jerry Harvey entwickelte daher für ihn einen speziellen Ohrhörer, der an seine Ohrmuschel angepasst war. Somit konnte Alex seine Kollegen über die Kopfhörer hören und gleichzeitig einen Großteil des Bühnenlärms ausblenden.
Nach kurzer Zeit zeigten auch weitere Bandmitglieder Interesse an diesem System und Jerry Harvey erkannte eine Marktlücke. Er gründete die Firma Ultimate Ears, heute einer der größten Hersteller für professionelle In-Ear-Hörer.

Das In-Ear-Monitoring bietet eine Menge Vorteile gegenüber konventionellen Monitorboxen. Jeder von euch ist diesem Phänomen sicher schon einmal begegnet, wenn Mikrofone plötzlich in der Show anfangen zu pfeifen, weil sie das durch die Monitorboxen verstärkte Signal auffangen und erneut verstärken. So entstehende Rückkopplungen des Signals können auch für erfahrene Tontechniker durchaus herausfordernd sein. Die effektivste Lösung sind meist leisere Monitore, was aber oft den Musikern nicht gefällt. Mit In-Ear-Monitoring ist dieses Problem praktisch nicht existent, was vor allem Tontechniker sehr freut. Außerdem ist die Gesamtlautstärke auf der Bühne ohne Monitorboxen deutlich geringer, wodurch der Techniker es sehr viel leichter hat, eine Band gut klingen zu lassen.

Aber nicht nur in puncto Lautstärke sind In-Ears ein großer Gewinn. Ihr Einsatz bringt auch etliche praktische Vorteile. Allen voran die Möglichkeit, Signale auf die Ohren der Musiker zu schicken, die vom Publikum nicht gehört werden sollen. So kann zum Beispiel die ganze Band vom Publikum unbemerkt mit Click spielen, was spätestens, wenn backing tracks eingesetzt werden, unabdingbar ist. Praktisch ist auch die Möglichkeit, mit einem Talkback-Mikrofon zu arbeiten. Der MD (musical director, zu deutsch „Bandleiter” oder „musikalischer Leiter”) kann über ein Mikrofon, das nur auf den In-Ears zu hören ist, während der Show mit den Musikern kommunizieren und Einsätze oder Kommandos geben. Für Sänger und Gitarristen besonders interessant ist die Kombination von In-Ear- Hörern mit einer passenden Drahtlosstrecke. Damit können sich die Musiker ungebunden frei auf der Bühne bewegen ohne Kompromisse beim Monitorsound. Denn im Gegensatz zu konventionellen Monitorboxen bleibt euer Sound immer gleich, egal wo man auf der Bühne steht. Schlagzeugern und Bassisten macht der Einsatz von IEM besonders in Kombination mit einem Bassshaker oder einem Bass Board wie dem von Eich Amplification Spaß.

Trotz all dieser Vorteile sind viele Musiker dem In Ear Monitoring gegenüber skeptisch eingestellt. Viele bemängeln ein unnatürliches und isoliertes Spielgefühl sowie eingeschränkte Kommunikation mit den Mitmusikern. Tatsächlich isolieren die meisten In-Ear-Hörer sehr stark den Außenschall, was aber durchaus gewollt ist. Um einen besseren Raumeindruck zu bekommen, werden oft so genannte Ambience-Mikrofone eingesetzt. Diese Mikrofone werden auf das Publikum gerichtet, dem Monitormix beigemischt und gleichen so die Isolation der Ohrhörer aus. Der große Vorteil: Die Menge an Publikumsgeräuschen lässt sich individuell nach dem eigenen Geschmack im Mix einstellen. Generell ist es auch einfach Gewöhnungssache. Der Höreindruck mit In-Ears ist natürlich anders als mit konventionellen Monitorboxen. Die Ohren gewöhnen sich aber in der Regel schnell an eine neue Umgebung.

Die Hörer

Doch war braucht man eigentlich alles, wenn man mit dem Gedanken spielt, mit der Band auf In-Ear-Monitoring umzusteigen? Allen voran natürlich vernünftige In-Ear-Hörer. Seit 1995 hat sich in der Branche einiges getan und immer mehr Firmen bieten In-Ear-Hörer an. Obgleich auch die Vielfalt an Produkten und Herstellern überwältigend sein kann, kann man im Grunde von zwei verschiedenen Arten von Hörern sprechen. Universalhörer sind einfacher aufgebaut und lassen sich mittels verschiedener Ohrpolster individuell an den Gehörgang anpassen. Da sich Universalhörer in großen Mengen herstellen lassen sind sie oft kostengünstiger. Modelle wie der Shure SE215 oder der Mackie MP-120 richten sich verstärkt an Einsteiger. Aber auch teure Profimodelle wie der Prophile 8 oder gehobene Mittelklassemodelle wie der SD 5 von InEar werden als Universalhörer geliefert.

Dem gegenüber stehen Ohrhörer, die individuell an die Ohrform angepasst werden. Solche custom-made-Hörer bieten den enormen Vorteil, dass sie den Gehörgang perfekt abschließen und somit das bessere Klangergebnis liefern. Außerdem verfügen Custom-Hörer in der Regel über einen höheren Tragekomfort, da sie individuell auf den Träger abgestimmt sind. Diese Einzelanfertigungen sind in der Regel deutlich teurer als Universalhörer. Außerdem kann der Herstellungsprozess einige Wochen in Anspruch nehmen, da zuerst Abdrücke der Ohren genommen werden müssen, nach denen dann die Hörer gefertigt werden. Dafür hat man dann am Ende ein hochwertiges Qualitätsprodukt, das optimal auf die Ohren zugeschnitten ist.

Klangeigenschaften

Wie bei normalen Kopfhörern wird auch hier viel über Sound philosophiert. Es gibt allerlei verschiedene Systeme, und jeder Hersteller behauptet natürlich, dass sein Produkt das Beste wäre. Der Klang von In-Ear-Hörern wird tatsächlich von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Ganz wichtig ist hier die Passform.
Je dichter der Hörer das Ohr abschließt, desto klarer ist die Präsenz und desto detailreicher die Basswiedergabe. Hier haben individuell angepasste Ohrhörer klar die Nase vorn. Auch mit Universalhörern lässt sich ein guter Klang erzielen. Da diese aber für eine breite Masse an Kunden entworfen sind, haben vor allem Musiker mit eher kleinem Gehörgang oft Schwierigkeiten mit der Passform. Auch der Hörer selbst spielt beim Klang eine große Rolle. In-Ear-Hörer werden als Ein-Weg-Hörer (Single Driver) oder Mehrweghörer (Dual Driver, Triple Driver et cetera) angeboten. Die Treiber sind im Grunde nichts anderes als winzig kleine Lautsprecher, die in den Ohrhörer eingearbeitet werden. Bei einem Single-Driver-System versorgt ein Treiber das komplette Frequenzspektrum des Hörers. Bei einem Mehrwegsystem decken die verschiedenen Treiber unterschiedliche Frequenzbereiche ab. Das Modell 3 for life von Variphone besitzt zum Beispiel zwei Basstreiber und einen Hochtontreiber. Der große Vorteil von Mehrwegsystemen besteht darin, dass durch die Aufteilung des Frequenzspektrums auf mehrere Treiber ein ausgewogeneres Klangbild entsteht. Der ProPhile-8 von InEar hat sogar acht Treiber auf vier Wegen zu bieten, also jeweils zwei Treiber für Tiefen, tiefe Mitten, hohe Mitten und Höhen. Damit gilt er als der linearste In-Ear-Hörer derzeit auf dem Markt. Er ist vor allem für Toningenieure und Musiker mit höchsten audiophilen Ansprüchen interessant. Letzten Endes ist aber nicht die Anzahl der Treiber, sondern der eigene Geschmack ausschlaggebend dafür, welcher Hörer für welchen Zweck am besten geeignet ist.

Enormen Einfluss auf das Klangerlebnis haben auch die technischen Möglichkeiten des Mischpults, mit dem der In-Ear-Mix entsteht. Jeder kennt den klassischen Fall: Man spielt einen Gig mit der Band in einem kleinen Club irgendwo auf dem Land; der Techniker wird vom Haus gestellt und ist nicht nur für den Sound im Saal, sondern auch für den Monitorsound zuständig. In solchen Fällen werden oft die Aux-Kanäle des Mischpults als Monitorwege genutzt, die aber bei kleinen Mischpulten nur in begrenzter Anzahl zur Verfügung stehen. Nicht selten muss man deshalb mit vier oder weniger Monitorwegen auskommen.

Will man in so einer Venue mit In-Ear-Monitoring spielen, ist es oft die einfachste Lösung, die In-Ears mit einem Mono-Mix aus dem Mischpult des Hauses zu bespielen. Wenn beispielsweise vier Musiker in einer Band spielen, kann so jeder einen individuellen Kanal für seinen Mix bekommen. Bei einem Mono-Mix liegen auf beiden Ohrhörern dieselben Signale an, das heißt man hört alle Signale mittig. Manche Musiker arbeiten auch gerne mit einem Mono-Mix und nutzen nur einen Ohrhörer, um mit dem anderen Ohr den Bühnensound hören zu können. Dies kann aber je nach Bühnenlautstärke das räumliche Hörvermögen einschränken.

Wer auf größeren Bühnen gespielt und der Luxus eines eigenen Monitormischers ist gegeben, dann ist es möglich, die In-Ears in Stereo zu bespielen. In einem Stereo-Mix hört man nicht mehr alles aus der Mitte, sondern hat die Möglichkeit, einzelne Signale im Stereopanorama zu verteilen. Vielleicht will man den Sänger in der Mitte hören, aber die Gitarren von links und rechts? Oder aber man möchte die Toms von links nach rechts hören, genauso wie sie aufgebaut sind? Dem eigenen Geschmack sind hier keine Grenzen gesetzt.

Aber warum sollte man die Signale überhaupt im Panorama verteilen wollen? Reicht es nicht, wenn man alles gut aus der Mitte hört? Die Möglichkeit, einzelne Signale im Panorama zu verteilen, macht es für unser Gehirn sehr viel leichter, einzelne Instrumente zu orten – insbesondere bei mehreren Instrumenten im selben Frequenzbereich.

Angenommen man hat zwei Gitarren und einen Synthesizer in der Band. In einem Mono-Mix kann es sehr schnell passieren, dass die Frequenzen der einzelnen Instrumente sich überlagern und in einem unschönen Soundbrei resultieren. Und was macht der Musiker, wenn er sich nicht mehr richtig hört? Richtig, er spielt lauter. Hier sind In-Ears Fluch und Segen zugleich, denn ein zu lauter In-Ear-Mix kann ernsthafte Gehörschäden zur Folge haben. In einem guten Stereomix ist sehr viel leichter, die einzelnen Instrumente zu orten, da sie nicht mehr alle aus der Mitte kommen. Somit reichen auch schon geringere Lautstärken aus, um sich ausreichend zu hören.

3S ist das neue Stereo

Seit wenigen Jahren erobert ein neuer Trend den In-Ear-Markt: Binaurales In- Ear-Monitoring, also Monitorsound in 3D. Dies bringt die oben beschriebenen Vorteile von Stereo-Sound auf ein ganz neues Level, denn jetzt stehen als Mischebenen nicht mehr nur links und rechts zur Verfügung, sondern auch vorne, hinten, oben und unten. Man hat praktisch auf handelsüblichen Stereohörern einen Surround-Sound, wie man ihn aus dem Kino kennt. Soll man die Drums von oben, den Gesang von vorne, die Gitarren von links hinten und den Keyboarder von vorne rechts hören? Das ist nur ein Beispiel davon, was mit In-Ear-Sound in 3D alles möglich ist. Mit 3D-Mixes bekommt man viel mehr Transparenz und Räumlichkeit als bei einem herkömmlichen Stereo-Mix und damit ein viel natürlicheres Klangerlebnis auf der Bühne.
Vorreiter auf diesem Gebiet ist die Firma KLANG aus Aachen. Mit ihrer Klang:fabrik lassen sich im Handumdrehen Surround-Mixes auf handelsüblichen Stereohörern erstellen. Die Klangfabrik ist ein digitales Mischpult das sich ganz einfach über Tablet, Smartphone oder Computer steuern lässt.

Der Clou ist die hohe Flexibilität dieses Systems. Über digitale Schnittstellen lässt sich die Klangfabrik ganz einfach in ein bestehendes Monitor-Setup integrieren. So kann der Stereo-Sound ganz einfach ein Upgrade erhalten und man kommt in den Genuss von 3D-Sound. Aber auch für Bands, die nicht über das Privileg eines eigenen Monitormischers verfügen, ist die Klang:fabrik eine echte Alternative. Über die innovative iPad-App wird die Klang:fabrik im Handumdrehen zum Personal-Monitoring-System, bei dem jeder Musiker sich seinen Sound über Tablet oder Smartphone ganz einfach und bequem selbst einstellen kann.

Personal-Monitoring

Der Digitalisierung ist es zu verdanken, dass es inzwischen immer mehr und günstigere Optionen für ein Personal-Monitoring-System gibt. Von einem PMS spricht man, wenn jeder Musiker auf der Bühne die Möglichkeit hat, seinen Mix individuell einzustellen und an den eigenen Geschmack anzupassen. Bei Systemen wie dem Behringer Powerplay oder dem Earmix System von Presonus hat jeder Musiker einen kleinen Mischer vor sich. Die In-Ears können direkt dort angeschlossen werden. Auf dem Mischer lassen sich die Laustärken der einzelnen Signalquellen individuell anpassen und im Stereo-Panorama verteilen. Aber auch viele digitale Mischpulte, die nicht mal unbedingt in erste Linie für In-Ear-Monitoring gedacht sein müssen, bieten heutzutage die Option, über eine Smartphone-App den Monitormix einzustellen. Wenn die Bandkasse also für einen eigenen Monitormann oder ein Personal-Monitoring-System nicht genug hergibt, dann kann ein solches Mischpult in Kombination mit der oft kostenlosen App eine echte Alternative sein.
Viele dieser Mischpulte gibt es auch im praktischen 19-Zoll-Format. Der Mackie DL32R beispielsweise ist ein Rackmischer, der für diesen Zweck ideal geeignet ist. Er wird über ein Tablet gesteuert, was den großen Vorteil hat, dass er nur wenig Speicherplatz benötigt. Selbst Bands wie Toto greifen auf diesen Rack-Mischer für den In-Ear-Sound zurück.

Die Sache mit dem Funk

Vor allem für Sänger und Gitarristen, aber auch für alle anderen Musiker, die auf der Bühne eine gewisse Bewegungsfreiheit wollen, führt eigentlich kein Weg an einem Drahtlosen Funksystem vorbei.

Hier gibt es bereits sehr günstige Einsteigersysteme, zum Beispiel von t.Bone oder LD Systems. Wenn damit aber mehr als zehn Gigs im Jahr gespielt werden sollen, sollte eher ein hochwertigeres System wie das Sennheiser eW IEM G3 oder das Shure PSM 300 in Erwägung gezogen werden.
Günstige Systeme sind oft störungsanfälliger und weniger stabil gebaut. Oftmals ist auch das Grundrauschen bei den günstigen Systemen größer.

Ein anderes Thema das oft für Verwirrung sorgt sind die zugelassenen Frequenzen. Der Funkverkehr ist in Deutschland streng geregelt und es gibt für Privatanwender nur einige wenige Frequenzbänder die frei genutzt werden dürfen. Aktuell sind dies die Bereiche 823-832 MHz und 863-865 MHz. Diese Bereiche sollen sich bis mindestens 2026 nicht mehr ändern. Wer einen größeren Frequenzbereich nutzen will muss seine Geräte kostenpflichtig bei der Bundesnetzagentur anmelden.

Lärmfrei Proben

Heutzutage ist proben mit In-Ears eine ernstzunehmende Alternative zur klassischen Proberaum-PA. Man kennt die Situation: Es wird ein neuer Song bis zum Erbrechen geprobt, aber wenn man ihn dann das erste Mal live auf der Bühne spielt, klingt er irgendwie nicht so, wie man es von den Proben gewohnt ist. Wenn die Band über den Luxus eines eigenen In-Ear-Systems verfügt, kann man mit denselben Einstellungen proben, wie man sie auch auf der Bühne verwenden würde. Damit kann man praktisch unter „Live-Bedingungen“ proben – was der Performance sicherlich zugute kommt. Auch der übliche Lärmpegel fällt weg, da laute Verstärker und schrille Monitore komplett überflüssig werden.

Wenn der Schlagzeuger ein elektronisches Drumkit benutzt, könnte theoretisch sogar eine Rockband in einer Mietwohnung proben, ohne das die Nachbarn Alarm schlagen. Wer sich einmal an das Spielen mit In-Ear-Monitoring gewöhnt hat, will nur selten wieder zurück.

Dieser Beitrag ist übrigens auch in unserer pma-Ausgabe 8/18 nachzulesen!