Perlen in der Auster - Haus der Kulturen der Welt (HKW) Berlin

Das Haus der Kulturen der Welt (HKW), im Volksmund wegen seiner Form auch „Schwangere Auster“ genannt, einst Geschenk der Amerikaner an das Nachkriegs-Berlin und Symbol des freien Westens, ist heute ein Forum für Interkulturellen Austausch, zeitgenössische Kunst und gesellschaftlichen Diskurs in einer Zeit epochaler Umbrüche und planetarer Herausforderungen.

Im vergangenen Jahr wurde der nur etwa 500 Meter vom Berliner Hauptbahnhof und etwa einen Kilometer vom Reichstag und dem Kanzleramt entfernt gelegene, unter Denkmalschutz stehende Bau des Gropius-Schüler Hugh Stubbins modernisiert. Im rund 1.200 Plätze bietenden Auditorium sind inzwischen etwa die türkisblaue Bestuhlung und die Decke restauriert, die hellen Wandhölzer aufgearbeitet und die Akustik des Saales an zeitgemäße Anforderungen angepasst worden.

So musste etwa im Auditorium der Schallschutz hinter den Holzpaneelen ebenso komplett ausgewechselt werden wie die Scheiben in den Dolmetscherkabinen, wegen ihrer für die Akustik ungünstigen Krümmung. „Die neu eingearbeitete Dämmung bewirkt jetzt eine deutlich bessere Raumakustik als bisher“, freut sich der Leiter der Veranstaltungstechnik, André Schulz beim Rundgang durch das Haus.

Im Zuge der Modernisierung hatten sich Schulz und sein Team auf Basis der Planungen und Empfehlungen vom Büro Müller BBM schlussendlich für ein neues Soundsystem Sequenza 10 von Kling & Freitag entschieden. Eine wichtige Anforderung war dabei, optimale Hängepunkte und Abstrahlwinkel als Voraussetzung für die beabsichtigte Richtwirkung vorzusehen. Für die vorderen Reihen im Auditorium ist zudem noch ein kleineres Array – nämlich Anakonda von K-Array – im Einsatz.

Die Wahl für das neue Line-Array von Kling & Freitag war im HKW nach umfangreichen Tests und stundenlangen Hörproben gefallen. Bei den Bühnenmonitoren entschieden sich die Verantwortlichen – ebenfalls nach entsprechendem Shoot-Out – für MAX2 von d & b Audiotechnik. Das bisherige analoge Amek Recall Audiopult wurde durch eine digitale Soundcraft Vi6 -Konsole ersetzt. Auf den aktuellen technischen Stand wurden auch die Übertragungswege im Haus gebracht, es kommen nun optische Lichtwellenleiter zum Einsatz, die vereinzelt noch durch LAN-Netzwerke ergänzt werden. Für Filmvorführungen – das HKW ist auch Berlinale-Spielstätte – stehen nun 45 digitale Projektoren in verschiedenen Größen zur Verfügung.

Außerdem wurde die Saalbeleuchtung modernisiert mit energieeffizienten LED-Leuchten, halogenfreiem Kabelmaterial, modernen Steuerungselementen und Dimmeranlage.

Ebenso erneuert worden ist die ehemalige Studiogalerie, die nun besser zugänglich ist und Ausstellungshalle 2 heißt. Sie wurde auf fünf Meter erhöht und bekam eine Lichtdecke. Das untere Foyer beherbergt nun die „Hirschfeld Bar“ – benannt nach dem Arzt und Wissenschaftler Magnus Hirschfeld, dessen 1919 gegründetes Institut für Sexualwissenschaft sich einst in unmittelbarer Nähe des HKW befand.

Neben dem großen Auditorium verfügt das Haus noch über einen Theatersaal mit 350 Plätzen sowie mehrere kleinere Veranstaltungsräume, die etwa für Lesungen oder Podiumsdiskussionen sowie für neue zeitgemäße Eventformate zur Verfügung stehen. Sie sind tontechnisch mit optisch unauffälligen Linienstahlern aus dem Hause Seeburg ausgestattet.

Auch die 2.000 Gäste fassende Dachterrasse und das Restaurant „Auster“ werden für Events genutzt – die Dachterrasse im Sommer auch schon mal für Konzerte. In der „Auster“ findet beispielsweise alljährlich das Fest der Produzentenallianz – Film und Fernsehen mit rund 900 Gästen statt, zum Sommerfest der SPD kamen das letzte Mal rund 2.000 Personen. Weitere Kunden sind etwa das Auswärtige Amt, die TU Berlin, der Energieversorger RWE oder die Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie.

Rund 140.000 Besucher zählt das Haus jedes Jahr, es kommen Menschen, die nach Antworten suchen auf tiefgreifende Umbrüche und Herausforderungen einer sich rapide verändernden technisierten Welt. Das HKW ist eine Bundesinstitution, Träger ist die Kulturstiftung des Bundes in Berlin GmbH, die auch für die Berlinale, die Berliner Festspiele oder den Martin-Gropius-Bau zuständig ist. Das Haus positioniert sich als Ort für neue Denk- und Wahrnehmungsweisen. Jenseits klassischer Forschung und Lehre will das HKW neue Perspektiven liefern, zukunftsweisende Ideen für eine bessere Gesellschaft entwickeln.

Wurde die am 26. April 1958 von den Amerikanern an den Senat übergebene Kongresshalle mit seiner in der damaligen Zeit in Europa als revolutionär geltenden Architektur in den Nachkriegsjahren noch vor allem für Tagungen und Kongresse genutzt, im damaligen West-Berlin ein überlebenswichtiger Wirtschaftsfaktor und architektonisch gesehen der Gegenentwurf zum stalinistischen Zuckerbäckerstil im Ostteil der Stadt, war diese Funktion mit dem Bau des ICC International Congress Center Berlin obsolet geworden.

Das HKW wurde nach dem Einsturz des Daches im Mai 1980 nach fünfjährigem Wiederaufbau in den Jahren 1982 bis 1987 zum Berliner Stadtjubiläum fertig, zwei Jahre später, kurz vor dem Fall der Mauer, war dann die offizielle Eröffnung.

Aktuell dürfen Besucher im Haus der Kulturen der Welt beispielsweise Tonkunst aus 100 Jahren Radiogeschichte erleben. „Radiophonic Spaces“ lautet der Titel des begehbaren Radioarchivs, mit Hilfe einer App können Audiobegeisterte durch die radiophonen Räume navigieren und mehr als 200 Werke der Radiokunst hören und erforschen.

Das HKW beherbergt auch das Festival transmediale, vom 31. Januar bis 3. Februar 2019 geht es unter dem Motto „What moves you“ um die Rolle von Emotionen und Empathie in der digitalen Kultur und der Frage, wie sich im digitalen Zeitalter neue Formen von Fürsorge und Solidarität in der Gesellschaft entwickeln und umsetzen lassen.

Mit dem Dilemma global wirksamer Technologien beschäftigt sich im kommenden Jahr das Forschungsprojekt Technosphere im HKW, dass Wissenschaftler, Künstler und gesellschaftliche Akteure miteinander ins Gespräch bringen soll.


Fotos: Thomas Korn


Diesen Beitrag können Sie übrigens auch in unserer pma-Ausgabe 8/18 nachlesen!