Funkfrequenzen: Wo funken die Profis?

Mit der zweiten Digitalen Dividende werden vor allem in Ballungsgebieten die Frequenzen knapp. Wie gehen Hersteller und Anwender mit der Situation um? Die Redaktion hat dazu bei Technikern und Spezialisten nachgefragt. 

Gefährdet sind künftig vor allem Großveranstaltungen. Hersteller wie Nutzer von drahtlosen Mikrofonen, In-Ear-Monitoring-Anlagen, Kameras und weiterem Equipment schlagen seit Jahren Alarm, verlangen Planungssicherheit, betreiben aktiv Lobbyarbeit, damit auch künftig berichtet werden kann, Meinungsvielfalt und Pressefreiheit erhalten bleiben.

Fakt ist: Der Bedarf an drahtlosen Funkstrecken wächst, während tatsächlich zunehmend weniger nutzbar sind. Hersteller und Veranstalter weisen seit Jahren auf dieses Defizit hin und fordern von der Politik und den Regulierungsbehörden auf nationaler wie internationaler Ebene, entsprechend vorzusorgen und rechtzeitig Ausgleich zu schaffen.

Ein qualitativ hochwertiges Ersatzspektrum für verlorengegangene Frequenzbereiche ist unverzichtbar für die Kultur- und Kreativwirtschaft, die hierzulande immerhin den viertgrößten Beitrag zur Bruttowertschöpfung leistet. „Die Prüfung weiterer Frequenzbereiche ist unabdingbar“, das fordert Matthias Fehr, Präsident der Association of Professional Wireless Production Industries (APWPT) von den Verantwortlichen seit längerem immer wieder.

Unterstützung bekommt er dabei von verschiedener Seite: beispielsweise vom Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI), der Initiative „SOS – Save our Spectrum“, dem Verband für Medien- und Veranstaltungstechnik (VPLT), dem Deutschen Journalistenverband (DJV) sowie der Deutschen Journalisten-Union (dju) oder dem Verband Deutscher Freilichtbühnen.

Erste Störungen durch DVBT-T2

Nachdem in diesem Jahr bereits Störungen durch den Start von DVB-T2 bekannt geworden sind, ist wieder mal Bewegung in die Debatte gekommen: Weil die Bundesnetzagentur aus Sicht der Anwender noch immer kein wirklich schlüssiges Konzept zur Deckung des künftigen Frequenzbedarfs vorgelegt hat, wird beispielsweise über ein Bundesgesetz zum Schutz der Kulturbetriebe diskutiert. Auf möglicher Entscheidungen auf europäischer Ebene können und wollen die Betroffenen hierzulande nicht warten.

Immerhin tut sich langsam etwas: Zunächst sollen nämlich die EU-Mitgliedstaaten bis zum 30. Juni 2018 ihre nationalen Fahrpläne für die Frequenzfreigabe vorlegen, die Freigabe soll aber frühestens bis zum 30. Juni 2020 erfolgen, wobei aus wichtigen Gründen dieser Termin aber noch einmal um bis zu zwei Jahre verschiebbar sein soll.

Der unbefriedigende „Schwebezustand“ könnte also noch bis zum Jahr 2022 andauern. Noch in diesem Herbst wird sich als nächstes das Europäische Parlament unter anderem mit der Frage befassen, ob etwa der Frequenzbereich zwischen 470 und 694 MHz bis mindestens zum Jahr 2030 dem Rundfunk erhalten bleiben soll. Im November will dann die von der EU-Kommission beauftragte Radio Spectrum Policy Group (RSPG) Leitlinien für eine „Roadmap“ vorlegen – eine Art Fahrplan, der dann von allen Beteiligten erst einmal weiter zu diskutieren sein wird.

Helmut G. Bauer, Gründer der Initiative „SOS – Save Our Spectrum“ hat erst kürzlich vorgeschlagen, eine neue Kategorie „alternative Nutzer“ einzuführen, damit auch weitere Anwender außerhalb des Mobilfunks, etwa Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) ihre Bedarfe anmelden können.

Solange von der Politik nicht die erforderlichen Ersatzfrequenzen bereit gestellt werden, stehen Opernhäuser, Theater, Rundfunk- und Fernsehsender, Kulturzentren und weitere Veranstalter, die erst 2010 für den 700-MHz-Bereich in die Umrüstung ihrer Technik investiert haben, vor der Herausforderung, sich auf die schon wieder veränderte Situation erneut einstellen zu müssen. Beispiel Hannover: Nachdem in diesem Jahr bereits bei zwei Theatern Vorstellungen wegen nicht ausgeschalteter LTE-Smartphones ausfallen mussten, haben Fachleute im Kultusministerium ausgerechnet, dass ein Austausch der professionellen Funksysteme für alle Spielstätten des Staatstheaters mit mehr als 650.000 Euro zu Buche schlagen würde. Sennheiser-Spezialist Norbert Hilbich befürchtet: „Die Digitale Dividende 2 führt dazu, dass Steuergelder quasi professionell „verbrannt“ werden, denn Theater und öffentliche Einrichtungen müssen sich für tiefer gelegene Frequenzbereiche wiederum mit neuen Geräten ausstatten.“

Dass es bei der Live-Berichterstattung schon heute Probleme gibt, zeigen Veranstaltungen wie etwa der Eurovision Song Contest, bei dem bereits 2012 bestimmte Mikrofone nur zu ganz bestimmten Zeiten eingeschaltet werden konnten (Timeslots). Unter den gegenwärtigen Bedingungen können, wie Fachleute untersucht haben, Spektrumsanforderungen wie für die Olympischen Spiele 2012 in London nicht mehr erfüllt werden.

Frequenzspezialisten gesucht

Die Live-TV-Übertragung des ECHO 2016 aus Berlin beispielsweise hat gezeigt, dass ohne den Einsatz von Frequenzspezialisten schon heute nichts mehr geht. Wegen des Sendebetriebs des neuen DVB-T2 HD-Fernsehkanals in der Hauptstadt hatte sich der nutzbare Frequenzbereich laut Drahtlosexpertin Svenja Dunkel um acht Megahertz verringert. Ohne Vorab- und Vor-Ort-Koordination läuft bei großen Showproduktionen inzwischen nichts mehr, da die Lücken für drahtlose Mikrofone immer enger werden, besonders dort, wo das verbleibende UHF-Spektrum 470 bis 790 MHz mit digitalen TV-Sendern (DVB-T/DVB-T2) belegt ist.

Laut APWT können viele Theater und kleinere kulturelle Einrichtungen den hohen finanziellen Aufwand für eine erneute Umrüstung nicht stemmen. Bereits im Rahmen der ersten Digitalen Dividende waren nach Erhebungen des Verbandes im Jahr 2010 bereits rund 700.000 Systeme betroffen.




pma fragt nach: Die Interviews

Wir haben uns zum Thema Zukunft der Funkfrequenzen mit drei Profis aus der Branche unterhalten, mit Norbert Hilbich, Director Spectrum Affairs & System Design bei Sennheiser, Christian Bethin-Kittel von Audio Technica und Jürgen Schwoerer, Applications-Engineer bei Shure.

Interview mit Christian Bethin-Kittel von Audio Technica:


pma:
Im Bereich drahtloser Produktionsmittel wird seit längerem das Thema Frequenzknappheit kontrovers diskutiert. Viele Hersteller haben darauf bereits mit technischen Lösungen reagiert und bieten den Produzenten und Veranstaltern entsprechende Produkte an. Sind damit die wesentlichen Probleme schon vom Tisch?


Christian Bethin-Kittel:
Mit Sicherheit sind nicht alle Probleme vom Tisch. Die Entwicklung von neuen drahtlosen Produktionsmitteln nimmt bei den Herstellern auch weiterhin einen hohen Stellenwert ein. Es ist und bleibt ein fortlaufender Prozess die Entwicklung in allen Bereichen immer wieder voranzutreiben um auch weiterhin auf aktuelle und zukünftige Probleme eine passende Antwort parat zu haben und damit den Anwendern eine Lösung anbieten zu können.

pma: Haben sich diese Investitionen bereits ausgezahlt? Oder sind weitere Anstrengungen erforderlich?

Christian Bethin-Kittel: Sicherlich zahlen sich die bisher getätigten Investitionen aus, was auch dadurch abzuleiten ist, dass vor allem die neuesten Entwicklungen großen Anklang finden. Natürlich muss man am dem Thema dran bleiben und es bedarf auch weiterhin jeder Menge Anstrengungen sowie weiterer Investitionen.

pma: Es heißt, besonders Großveranstaltungen wie beispielsweise Sportereignisse oder der Eurovision Song Contest seien durch die Frequenzknappheit gefährdet. Ist das eher Panikmache oder ein durchaus realistisches Szenario?

Christian Bethin-Kittel: Die Wahrheit liegt mit Sicherheit irgendwo in der Mitte. Heutzutage ist es einfach unabdingbar für Großveranstaltungen einen Spezialisten abzustellen der sich ausschließlich mit der Vergabe der vor Ort genutzten Frequenzen und der Kontrolle dieser befasst. An der oberen Spitze der Produktionen mit einem extrem hohem Bedarf an drahtlosen Produktionsmitteln wird es sicherlich zunehmend enger wenn sich die maximal zu verwendende Anzahl an Frequenzen weiterhin reduziert und im Gegenzug die zahlenmäßige Anforderung für diese Produktionen fortwährend steigt.



Interview mit Norbert Hilbich, Director Spectrum Affairs & System Design bei Sennheiser:


pma: Denken Sie, dass die beteiligten Berufs- oder Branchenverbände wie der AWPT bei der EU-Kommission in Brüssel mit ihren Forderungen hinsichtlich der Digitalen Dividende Gehör finden werden? Wie optimistisch sind sie hinsichtlich des Erreichens einer für die von der Digitalen Dividende betroffenen PMSE-Anwender zukunftsfähigen Lösung? Ist hier ein langer Atem erforderlich?

Norbert Hilbich: Der APWPT hat bereits vieles erreicht. Frequenzen für drahtlose Produktionsmittel wurden vor der Weltfunkkonferenz (WRC) 2007 nicht ernsthaft diskutiert. Nach dem enttäuschenden Ausgang dieser WRC wurde der APWPT gegründet. Mit Unterstützung der Bundesnetzagentur hat er seitdem auf der WRC 12 und der WRC 15 die Interessen der Funkmikrofone vertreten.

Mit vielen Informationsveranstaltungen für Entscheidungsträger wurde das Bewusstsein für die Bedeutung der Drahtlostechnik für jegliche Inhaltsproduktion geschaffen. Auf EU-Ebene wurden u.a. Studien initiiert. Der Lamy Report hat z.B. empfohlen, vor dem Jahr 2030 nicht über eine Digitale Dividende 3 zu entscheiden. Wenn die Gremien der EU dem zustimmen, gäbe es wenigstens in den nächsten Jahren Planungssicherheit im Bereich 470 – 694 MHz.

Zwischen 1 und 2 GHz gibt es Frequenzbereiche, die eine Allein- oder Mitnutzung von PMSE zulassen. Zwei dieser Bereiche sollen die Mitgliedsstaaten gemäß einer Aufforderung der EU Kommission für drahtlose Produktionsmittel öffnen. Ein dritter Bereich ist in der Diskussion. Wir erwarten, dass die EU-Kommission dies, europaweit durchsetzt. Der APWPT hat dazu bereits vor geraumer Zeit einen Brief an den zuständigen Kommissar der EU geschickt. Die Antwort steht noch aus.

Nur mit Öffentlichkeitsarbeit kann der Druck auf die Politik erhöht werden, verlässlich zu handeln. Dazu brauchen wir auch die Unterstützung der Techniker, die täglich hinter der Bühne ihrer Arbeit zuverlässig und gewissenhaft erledigen. Es ist an der Zeit, dass diese Berufsgruppe sich artikuliert und den APWPT unterstützt, damit die Politik das Problem nicht weiter aussitzt.

pma: Denken Sie, ein Bundesgesetz zum Schutz der Drahtlosanwender im Bereich des Kulturbetriebs wäre hilfreich?

Norbert Hilbich: Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, wie ein solches Gesetz aussehen könnte. Zum einen ist die Frequenzregulierung nicht nur eine Sache in Deutschland, sondern basiert auf vielen internationalen Übereinkommen. Sehr viel wichtiger wäre es, wenn sich Deutschland mit seiner internationalen Bedeutung massiv dafür einsetzen würde, dass das verbliebene UHF Spektrum auf Dauer für drahtlose Produktionsmittel erhalten bleibt und genügend Ersatzfrequenzen langfristig für Funktechnologien ausgewiesen werden.

Vorrangig wäre es den drahtlosen Produktionsmitteln wie den TV-Sendern den Status eines Primärnutzers zu geben. Dafür ist die WRC zuständig. Dann wäre sichergestellt, dass sie sich gegen Störungen wehren könnten. In der Vergangenheit war das kein Problem, da ausreichend Spektrum vorhanden war, in das man im Fall von Störungen ausweichen konnte. Ab 2019 wird es praktisch kein Ausweichspektrum mehr geben.

pma: Welchen Einfluss bzw. welche Expertise können Unternehmen überhaupt hinsichtlich künftiger Regelungen auf EU-Ebene ausüben bzw. in die Waagschale werfen. Werden Sie da – etwa im Rahmen von entsprechenden Anhörungen – um Stellungnahmen gebeten?

Norbert Hilbich: Wir sind schon seit vielen Jahren als Unternehmen, aber auch im Rahmen des APWPT und der Initiative SOS-Save-Our-Spektrum national und international aktiv, um auf die Notwendigkeit von ausreichend geeigneten Frequenzen hinzuweisen. Dabei belassen wir es nicht bei einem politischen Appell, sondern stellen den Regierungen und der EU-Kommission Daten und Untersuchungen zur Verfügung.

Leider müssen wir feststellen, dass dies nicht immer auf offene Ohren trifft, weil es die Entscheider zwingt, ihre einseitige Orientierung an dem Mobilfunk zu überdenken und zu korrigieren. Der Mobilfunk als „Spektrumsfresser“ vertritt mit wenigen Anbietern, die über eine große Finanzkraft und umfassende Ressourcen verfügen, nachdrücklich seine Interessen. Dagegen ist die Anwendergruppe von Drahtlostechnik sehr heterogen. Sehr viele Kleinunternehmen müssen ihrem täglichen Geschäft nachgehen und haben keine Zeit für Lobbyarbeit.

Die Politik begreift mittlerweile, dass nicht alle Versprechen des Mobilfunks in Erfüllung gehen. Sie wird zunehmend skeptisch. Daher bekommt PMSE mehr Aufmerksamkeit, denn das ist eine existierende Industrie mit verlässlichen Wachstumsdaten. Vor diesem Hintergrund hoffen wir, dass das Interesse der Politik an drahtlosen Produktionsmitteln und den dahinterstehenden Unternehmen wachsen wird und man zu der Erkenntnis kommt, dem Mobilfunk eine Wachstumspause zu verordnen.



Interview mit Jürgen Schwoerer, Applications-Engineer bei Shure:


pma: Sehen Sie Grpßveranstaltungen in Zukunft gefährdet?

Jürgen Schwoerer: Die Anforderungen an Funkkanäle bei Großveranstaltungen werden immer höher – und das Spektrum immer kleiner. Auch wenn fortschrittliche Technologien derzeit eine Lösung bieten wird muss weiterhin auf diesen Trend geachtet werden. Wir können uns auf dem jetzigen Stand nicht ausruhen. Panikmache ist der falsche Weg und übertrieben – aber ein waches Auge zu haben und sich mit der Frequenzsituation vertraut zu machen ist auf jeden Fall ratsam bzw. für den professionellen Programmproduzenten unumgänglich.

pma: Inwieweit beeinträchtigt die Einführung von DVBT-2 die PMSE-Anwender?

Jürgen Schwoerer: Auch hier gilt – ich muss informiert sein – bzw. benötige aktuelle Technologien wie Frequenzscan und Spektrumseffizienz. Ich persönlich habe noch von keiner Produktion gehört, die aufgrund von DVBT-2 Probleme hatte. Das zeigt aber auch wieder, dass bei großen Produktionen mehr und mehr der Funkspezialist gefordert ist. Denn eins Setup das heute noch störungsfrei speilt kann morgen aufgrund von Äderungen in der Frequenz-Welt nicht mehr betriebsbereit sein.

pma: Was muss aus Ihrer Sicht umgesetzt werden, damit Nutzer drahtloser Produktionsmittel Planungssicherheit bekommen?

Jürgen Schwoerer: Auf der einen Seite müssen die Regulierungen klar und langfristig formuliert sein. In Deutschland werden Frequenzen immer für max. 10 Jahre festgelegt. Innerhalb dieser Zeit ist die Planungssicherheit gegeben.
Wir als Herstellen versuchen auf allen unseren möglichen Kanälen über die Frequenzsituation aufzuklären. Sei es Website, Newsletter, Blogbeiträge oder auch Seminare bei Kunden

Auf der anderen Seite sehe ich es auch als Aufgabe der Anwender sich regelmäßig informieren und nicht davon ausgehen, dass sein Funkmikrofon eine unbegrenzte Lebensdauer hat.



Den Artikel finden Sie auch in der pma Ausgabe 7/2016