Frei wie der Wind – das Voletarium im Europa Park Rust

Mit dem „Voletarium“, Europas bisher größtem Flying-Theater, stößt der Europa Park in neue Dimensionen vor. Mit VR-Rides wie beim Alpenexpress und weiteren Attraktionen hat das digitale Zeitalter schon eine ganze Weile Einzug in Deutschland größtem Freizeitpark gehalten. Als Flugsimulator mit Spezialeffekten lädt das Voletarium die Besucher, ob klein oder groß, zum Flug über unterschiedliche Landschaften ein.

Viereinhalb Minuten geht es über Meere und Berge, der Wind weht durch die Haare, dann wird es nass. Die Special-Effects sind grandios: ein paar Spritzer Wasser, der Wind über Venedig und aufsteigender Vulkanrauch sorgen dafür, dass man das Geschehen intensiv miterlebt. Sogar verschiedene Düfte, wie Eisbonbonduft beim Überqueren des Aletschgletschers oder der Geruch des Waldes um Schloss Neuschwanstein, sind bei dem „Flug“ mit dabei und verleihen dem Erlebnis mehr Intensivität. Beim Durchfliegen des Vulkanrauches vibriert es sogar, das Beben des Vulkanes wird spürbar. Man „fliegt“ weiter über Island, Norwegens Fjorde, rund um das Matterhorn, Venedig, Straßburg, Paris und endet schließlich fulminant mit einem Feuerwerk im Europa Park in Rust.

Pro Saison können seit Anfang Juni theoretisch 3,5 Millionen Menschen eine nahezu perfekte Symbiose von Film, Musik, harmonischen Bewegungen und besonderen Spezialeffekten erleben. In drei Ebenen schweben die Gondeln vor einer 21 Meter breiten und 16 Meter hohen Leinwand. Im Voletarium geht es vorbei an atemberaubenden Landschaften und bekannten europäischen Bauwerken, bei jeder Vorführung dürfen bis zu 140 Personen „mitfliegen“ - insgesamt 1400 pro Stunde. Wind, Wasser und unterschiedliche Düfte vermitteln den Passagieren ein einzigartiges Fluggefühl.

Konstruktion und Umsetzung

14 Gondeln, sechs Elektrozylinder pro Gondel, also insgesamt 84 Zylinder, jeder 150 Kilo schwer, bewegen die Gondeln synchron zum Film.
Die Gondeln lassen sich in jede Richtung, nach oben, unten, links und rechts kippen und so parallel zum Bild bewegen. Bei der subtilen Feinarbeit mussten sie auf die Flugbewegungen im Film genauestens abgestimmt werden. Die Fahrgäste sitzen in einer Gondel, quasi wie bei einer Seilbahn, welche dank der Hydraulikzylinder in sämtliche Richtungen dynamisch bewegt werden. Das System des taiwanesischen Unternehmens Brogent sorgt im bisher größten Flying-Theater Europas für ein angenehmes Fluggefühl – G-Kräfte inklusive.
„Die Besucher rasten fast aus, wenn Sie einmal eben über Neuschwanstein hüpfen und dann in Norwegen landen“, weiß Masterplaner Patrick Marx. Was die Gäste im Voletarium nicht wissen: Für die Techniker bedeutete es während der Programmierung viel Arbeit, um diesen „Übergang“ richtig hinzubekommen.

Allein für den Film benötigte Regisseur Holger Tappe aus Hannover, eigentlich Spezialist für Animationsfilme, ein ganzes Jahr Produktionszeit. Auch er betrat – wie das Europa-Park-Management bei der Realisation des mehr als 25 Millionen Euro teuren Mammutprojektes rund um das fiktive Forschungsinstitut der Gebrüder Eulenstein, konzipiert als erster Baustein des „Adventure Club of Europe“ in Rust – bei den Dreharbeiten zu diesem Film vollkommenes Neuland.

Zunächst galt es für Holger Tappe und seine Mitarbeiter, die Schauplätze des Films im Computer zu simulieren und digitale „Dummies“ von Bauwerken, Städten und Landschaften zu erstellen – beziehungsweise ganze Filmszenen im Rechner zu visualisieren. Jede Szene wurde dabei genau berechnet und schließlich dreidimensional im Rechner nachgebaut. Dabei ging es etwa darum, schon möglichst vorab herauszufinden, zu welcher Tageszeit am besten geflogen werden sollte, um etwa Gegenlicht oder Helikopterschatten zu vermeiden und welche Flugbewegungen sicher realisiert werden konnten, um am Ende des Tages Filmszenen zu bekommen, die später auch mit den Bewegungen der fahrbaren Gondeln im Flying-Theater harmonieren. Was sieht gut aus? Was sollte verändert werden? Nach derlei Kriterien wurden vorab alle Einstellungen penibel festgelegt und einzeln bewertet.

Damit das Team mit der Kamera näher am Boden filmen und das Kamerasystem stabilisiert werden konnte, entwickelten die Spezialisten besondere Vorrichtungen:
Für bodennahe Aufnahmen wurden dafür geeignete Drohnen eingesetzt, da die Kameravorrichtung am Helikopter nicht ausreichend für ruhige Szenen stabilisiert werden konnte. Zuvor hatte man Faktoren wie Geschwindigkeit, Höhe, Radius, Kamerawinkel und Licht akribisch digital simuliert und gemessen, um sie dann später in realer Umgebung rekonstruieren zu können.
Regisseur Holger Tappe:
„Wir hatten uns ausgerechnet, dass wir für eine Einstellung 14 bis 19 Sekunden benötigen, wenn wir mit dem Helikopter 250 Stundenkilometer und mit der Drohne maximal 70 Stundenkilometer fliegen können und somit zwischen 600 und 800 Meter Strecke zurück gelegt haben. Mit diesem Wissen im Hinterkopf konnten wir uns bei jedem Dreh draußen voll auf die jeweilige Umgebung konzentrieren, um ihr so weit wie möglich gerecht zu werden.“

„Das war eine Wahnsinns-Pionierleistung“, bewertet Tappe rückblickend die langwierigen Dreharbeiten, bei denen in 8K gefilmt wurde. Denn es galt so manche Hürde zu nehmen: seit den Dreharbeiten zu James Bonds „Casino Royale“ im Jahr 2007 waren keine Flüge über Venedig mehr erlaubt und es dauerte 15 Monate, bis Straßburg eine Drehgenehmigung erteilte. Weil Michael Mack zunächst weder eine geeignete Filmproduktionsfirma mit entsprechender Erfahrung, noch einen Regisseur und passendes Equipment finden konnte, entschied er sich letztendlich für eine Inhouse-Lösung und ging das ehrgeizige Projekt mit der eigenen Produktionsfirma MackMedia selbst an. Für dieses Unterfangen holte er schließlich Holger Tappe mit ins Boot, der auch für den kommenden Kinofilm „Happy Family“ verantwortlich zeichnet. „Als ich ihn gefragt habe, hat mich Holger erst groß angeschaut und danach einfach Ja gesagt“, erinnert sich Mack.

Der finanzielle und auch personelle Aufwand, die bisher teuerste Einzelinvestition in der Geschichte des Europa-Park zu realisieren, waren enorm groß – rund 1.000 Menschen haben daran engagiert mitgearbeitet. Der Stahl für das Fahrgeschäft kam aus Belgien, der Stoff für die Leinwand wurde aus China importiert und von Spezialisten des österreichischen Unternehmens Kraftwerk auf den Millimeter genau zugeschnitten und installiert. Für den Bau der neuen Attraktion wurden mehr als 100 Kilometer Kabel verlegt, zudem entstand an der „Deutschen Allee“ der Helmut-Kohl-Palais – ein moderner Saal, für Tagungen, Konferenzen und andere Firmenevents. Sogar eine Haltestelle des Europapark-Express wurde aufwändig verlegt.

„Die Raumtemperatur im „Dome“ müssen wir das ganze Jahr über konstant halten bei etwa 21 Grad Celsius (plus minus drei Grad), um sicher zu gewährleisten, dass sich der Screen nicht verformt“, erläutert Patrick Marx beim Rundgang im Innern des Voletarium. Um zu erreichen, dass möglichst keine Staubpartikel auf dem Screen landen, haben die Ingenieure mehrere Lüftungsrohre im Kinosaal installiert, das die Partikel vom Screen weg zieht. Mittels eines Lasers wurde die Leinwand vor der Inbetriebnahme genauestens vermessen.

Für jeden der drei mit Fisheye-Objektiv ausgerüsteten Xenon-Projektoren gibt es Referenzpunkte:
„Weil sich die Bilder an den Rändern leicht überlappen, müssen sie so aneinander geblendet werden, dass der Gast das später nicht sieht“, erklärt Patrick Marx die Herausforderung für die Techniker. Dazu werden die Daten jedes Beamers genommen, um sie mit einem Auto-Alignment-System von BRAINSALT zu verarbeiten und genau zu berechnen, was jeder der Projektoren anzeigen soll beziehungsweise wo der Übergang ist von einem Projektorbild zum nächsten, damit der Voletarium-Besucher auf der Leinwand ein einziges nahtloses Bild sieht und die unsichtbar erscheinenden Übergänge gar nicht wahrnimmt. Da Gebäude und Aufhängungen bei so großen Installationen aufgrund der Temperaturschwankungen leicht "arbeiten", wird die Autokalibrierung bis zu zweimal täglich durchgeführt.
Das Playback-System wurde von der Firma Kraftwerk Living Technologies integriert und besteht aus einem Server Cluster aus drei 4K und 120FPS tauglichen Zuspielern, ebenfalls von BRAINSALT.

Nichts dem Zufall überlassen

Die Techniker kontrollieren vor Inbetriebnahme noch einmal genau die Pixelsynchronizität mit zueinander laufenden Testbalken, um am Ende auch wirklich ein absolut homogenes Bild zu bekommen – es soll aussehen, als würde es aus einem Projektor stammen. „Dazu müssen die drei Beamer absolut synchron abspielen.“, erklärt Patrick Marx.
Um die Aufnahmen von vornherein auf diese besondere Leinwand abzustimmen, drehte Regisseur Holger Tappe mit zwei 8K-Kinokameras aus dem Hause RED, welche jeweils mit einem Fisheye-Objektiv ausgerüstet sind. „Damit haben wir eine Auflösung vom 8-fachen von Ultra HD. Die Bilder werden mit einer Wiederholrate von 120 fps dargestellt. Die Projektoren könnten allerdings weit mehr, das limitierende Element sind hier also die Kameras.“

Die spezielle Kameratechnik, die nötig war, um in Echtzeit filmen zu können, auch wenige Zentimeter über der Erd- oder Wasseroberfläche, war sehr teuer, laut Holger Tappe hat sie allein rund eine Viertelmillion Euro gekostet.

Musikalische Begleitung

Um das Erlebnis im Voletarium beim „Flug“ über Europas Landschaften noch zu intensivieren, braucht es die passende Musik. Auch hier haben die Macher von MackMedia weder Kosten noch Mühen gescheut und den Komponisten Kolja Erdmann engagiert, der wiederum mit dem 60-köpfigen Filmorchester „F.A.M.E.´S.“ aus Mazedonien die Kompositionen einspielte.
Für den perfekten Klang in jeder Gondel im Voletarium sorgt ein Iosono-Soundsystem. Iosono ist ein Tochterunternehmen des belgischen Projektorenherstellers Barco. Der Core-Prozessor als Herzstück der Anlage unterstützt objektbasierte Mischer, so dass immersive Klangwelten einfach und präzise erzeugt werden können. Der VST-PLug-In unterstützt dabei bis zu 128 Audiokanäle.

Der Film soll erst einmal eine ganze Zeit laufen. „Das System kann aber auch andere Filme abspielen, innerhalb von Sekunden kann gewechselt werden, ein Zufallsmodus etwa erlaubt Überraschungen, da gibt es noch ganz viele Möglichkeiten für die Zukunft“, weiß Patrick Marx. So könnten etwa abends Specials im Voletarium gezeigt werden oder je nach Zielgruppe oder Publikum auch mehr oder weniger „Actionlastiges“.
Im Europapark gibt es jedes Jahr eine neue Attraktion. Bis Sommer 2019 soll ein sechstes Hotel hinzukommen, zusammen mit einer großen Wasserwelt. Die Bauarbeiten für das Vorhaben beginnen bereits im September.
Weltweit kommen übrigens ähnliche High-Tech-Theater immer mehr in Mode: in Amsterdam soll eines entstehen, in Korea wird ein 130 fassender Dome im Freizeitpark „Jeju Shinwa World" gebaut – hier soll der Film „Head in the Stars“ gezeigt werden. Dabei sollen sogar bis zu 64 Projektoren zum Einsatz kommen.

Fotos: Europa Park Rust


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