Die Technik des Kultur-Leuchtturms an der Elbe

Hohe Wellen der Begeisterung für Hamburgs neues Wahrzeichen, die Elbphilharmonie. In den ersten 100 Tagen, mehr als 250.000 Konzertbesucher und 1,5 Millionen Menschen auf der Plaza – die Bilanz ist nicht weniger beeindruckend, wie die hochmoderne Technik, die in dem knapp 800 Millionen Euro teuren Bau steckt.

Die Elbphilharmonie ist bekanntlich das mit Abstand teuerste Gebäude, was jemals für die Musik errichtet worden ist. Damit am Ufer der Elbe auch weiterhin keine Ebbe in der Kasse herrscht, ist auch der neue Spielplan für die kommende Saison prall gefüllt: rund 600 Konzerte sind geplant, etwa 850.000 Tickets werden aufgelegt. Neben prominenten Orchestern wie dem Concertgebouw aus Amsterdam und Stars wie Woody Allen, werden Anfang Juli außer der Reihe auch noch die Staats- und Regierungschefs der G20 zum Gipfeltreffen an der Westspitze der HafenCity erwartet.

An der mitunter schwierigen Umsetzung der Pläne für das monumentale und auch „verspätete“ Bauwerk waren bis zur offiziellen Eröffnung im Januar diverse bekannte Firmen und Dienstleister der Veranstaltungstechnik-Branche beteiligt.

Herzstück der Elbphilharmonie ist der 2.150 Plätze bietende, 50 Meter über der Elbe liegende Große Konzertsaal, in dem die Zuhörer in weinbergartig ansteigenden Rängen (siehe „Schuhkarton“-Prinzip nach Hans Scharoun) rund um das Orchester herum sitzen. Kein Zuhörer ist also weiter als 30 Meter vom Dirigenten entfernt. Diese außergewöhnliche Nähe zum Geschehen macht den neuen Saal zu einem Ort für unvergessliche musikalische Begegnungen – er soll zu den besten in der Welt gehören.

Nichtsdestotrotz haben Kritiker mittlerweile auch vermeintliche Schwachpunkte in der Akustik ausgemacht: Jedes kleinste Störgeräusch wie das Rascheln der Programmhefte oder Huster im Publikum würden ebenso deutlich wahrgenommen wie falsch gespielte Töne. Jeder Saal hat eben seine Grenzen. Darauf müssen sich die Orchester und Musiker einstellen. Denn schließlich, so war aus berufenen Mündern zu lesen, sei die Elbphilharmonie eine „feine Dame“, die nicht angeschrien, sondern behutsam angesprochen werden wolle.

Schwer wie 14 A 380 Passagierflugzeuge

Akustisch vom restlichen Gebäude entkoppelt, schwebt der Große Saal, ein 12.500 Tonnen schweres „Ei“, quasi zwischen den Geschossdecken der Wohn- und Hotelnutzungen. Umgeben von einer inneren und einer äußeren Hülle, ist der Raum mittels Stahlträgerkonstruktion auf insgesamt 362 speziell angefertigten Federn gelagert.

Übrigens: Die zwischen Saal und Gebäudedach angeordnete Technikebene wiegt rund 8.000 Tonnen – etwa so viel wie 14 A 380 Passagierflugzeuge. Die Nähe des Konzertsaals zum Wohn- und Hotelbereich machte die strikte akustische Trennung zwischen den Bereichen unumgänglich. Erreicht wurde sie durch eine Box-in-Box-Konstruktion. Die Wände des Saales wurden doppelschalig mit einem Zwischenraum ausgeführt. Der große Konzertsaal verfügt über einen eigenen Lastenaufzug für den Transport von Instrumenten, Scheinwerfern, Lautsprechern und weiterer Ausrüstung.

Damit im Innern des Konzerthauses technisch alles reibungslos läuft, muss Dennis Just, Technischer Leiter in der Elbphilharmonie sorgen. Auch für die Laeiszhalle trägt der 36-jährige zusammen mit seinem Team die Verantwortung. „Wir müssen uns auch erst einmal einen Überblick verschaffen, was alles da ist und was wir gegebenenfalls noch beschaffen müssen“, erklärt der Herr über 500 Räume beim Rundgang durch Lager und Technikräume. „Das braucht noch seine Zeit“. Sicher müsse nach und nach noch weitere Technik angeschafft, alles inventarisiert und gelistet werden.

Sicherheit wird in der Elbphilharmonie groß geschrieben, damit niemand in die mit High-Tech vollgestopften Räume gelangen kann, der dazu nicht befugt ist, lässt sich jede Tür nur mit einem besonderen Chip durch die Mitarbeiter öffnen.

Bis sich alles mal so richtig eingespielt hat, wird Dennis Just viel im Haus unterwegs sein, sehen, wo es ein Problem gibt oder wo etwas fehlt: „Wenn Sie mich in den nächsten Tagen und Wochen meinem Büro antreffen wollen, müssen Sie schon ausgesprochen viel Glück haben.“

Jedes Signal da, wo es benötigt wird

Der junge Technikchef und seine Mannschaft kümmern sich quasi um die gesamte Haustechnik, wozu beispielsweise auch der Brandschutz gehört. „Der Große Konzertsaal befindet sich im zwölften Stock, das bedeutet immense Sicherheitsvorkehrungen“. Dazu gehören beispielsweise Brandschutzvorhänge, Rauchmelder, empfindliche Wärmesensoren. Und vor allem eine modernste Hochdrucknebel-Löschanlage mit sechs Pumpen.

„Im Holzfußboden befinden sich Düsen, die im Brandfall automatisch hochfahren und das Löschwasser dosiert verteilen, um unnötige Wasserschäden zu vermeiden“, erklärt Just bei der Besichtigung des großen Saales, den er selbst noch aus dem Rohbauzustand kennt.

Im fensterlosen Nodalraum ist es eng, er ist vollgepackt mit Metallschränken und Tausenden von Kabeln in verschiedenen Farben. Hier laufen sämtliche Audiosignale aus dem gesamten Gebäude zusammen und werden weiter im Haus verteilt. „Die digitalen Patchfelder erlauben es uns, höchst flexibel zu sein. Je nach Anforderung können wir prinzipiell jedes Signal dorthin schicken, wo wir es gerade benötigen“, erklärt Dennis Just. So lassen sich beispielsweise die Töne der Orchester, welche im Großen Saal spielen, in die vom NDR in der Elbphilharmonie betriebenen Aufnahmestudios leiten.

10.000 Paneele streuen den Schall gezielt bis in den letzten Winkel

Für die optimale Akustik haben die Architekten gemeinsam mit dem international renommierten Akustiker Yasuhisa Toyota eine besondere Wand- und Deckenstruktur entwickelt – die „Weiße Haut“. 10.000 millimetergenau und individuell gefräste Gipsfaserplatten streuen den Schall gezielt bis in den letzten Winkel. Um Akustik- wie Designaspekten zu genügen, hat Benjamin Koren jedes einzelne Paneel unterschiedlich geplant und konstruiert: „Dafür waren umfangreiche mathematische Berechnungen nötig.“ Koren war zunächst für das Architekturbüro „Herzog & de Meuron“ tätig und arbeitet inzwischen als Firmenchef seines eigenen Unternehmens „One to One“ in New York unter anderem für Künstler wie Jeff Koons.

Über Jahre hatten die Akustiker um Yasuhisa Toyota die Auswirkungen des Schalls in haushohen Modellen getestet und die Gestaltung der Stühle gleich mehrfach angepasst. Denn die Musik sollte auf allen Plätzen so klingen, als würden die Zuhörer inmitten der Instrumente sitzen. Eine schwierige Aufgabe, da vor allem Haare und Kleidung viel Schall schlucken.

Nicht weniger glücklich als Benjamin Koren, einen Auftrag für die Elbphilharmonie umsetzen zu dürfen, ist Swen Flashaar-Bloedorn. Der Bingener lieferte mit seinem Unternehmen LED-Light die Beleuchtung für Treppenstufen, Orgel und Decke im großen Konzertsaal. Für den jungen Firmenchef, der Scheichs und Yachtbesitzer zu seinem Kundenkreis zählt, ein etwas überraschendes „Geburtstagsgeschenk“: Der Auftrag kam pünktlich zum zehnjährigen Jubiläum von Flashaar LED-Light.

100 Prozent flimmerfreie Filmaufnahmen

Die bekannte Hamburger Lichtplanerin Ulrike Brandi hat mehr als 800 Flashaar NauticProfil-Leuchten in die Treppenstufen des Saales integriert, der zentrale Akustikreflektor wird mit Sonderleuchten auf Basis des HighPower-Profils inszeniert und 72 modifizierte Flashaar Solaris-Strahler setzen die einzigartige viermanualige Orgel mit 65 Registern aus der Werkstatt des international renommierten Orgelbauers Johannes Klais in Szene und beleuchten die 4.765 Pfeifen.

Der Reflektor befindet sich an der Decke, er ist wesentlicher Teil der Akustik ist und birgt einen Teil der Bühnentechnik. Sein Durchmesser beträgt 15 Meter, das Gewicht 100 Tonnen.

Im „Canopy“, einem mehrfach geteilten „Akustiksegel“, das den Klang von der hohen Decke in den Saal zurück bringen soll, finden 37 LED Wash-Scheinwerfer von ETC Platz. Sie sorgen mit einer Farbtemperatur von 3.000 Kelvin passend zu den Halogenscheinwerfern für hochintensives Warmweiß-Licht. Um den Löwenanteil der Beleuchtung in der Elbphilharmonie und auf der Plaza kümmerte sich Zumtobel, unterstützt beispielsweise von Feiner Lichttechnik. Nicht weniger als 2.800 Sonderleuchten brachte Zumtobel in Hamburgs neuem Wahrzeichen zum Strahlen – ein bislang wohl einmaliges „Aushängeschild“ im Kulturberreich.

Damit Filmaufnahmen im Konzertsaal zu 100 Prozent flimmerfrei möglich sind, hat Feiner Lichttechnik eigens eine DMX-Steuerung entworfen, mit deren Hilfe sich Zumbtobels LED-Leuchten stufenlos mit 16 Bit dimmen lassen und dadurch HDTV-tauglich sind, bestätigt durch ein Zertifikat des Instituts für Rundfunktechnik (IRT).

Für den Konzertsaal lieferte Zumtobel in Zusammenarbeit mit dem renommierten Glasgestalter Detlef Tanz aus Wegberg (er hat als „Glaspapst“ internationale Bekanntheit erlangt) rund 1200 mundgeblasene Glaskugelleuchten, die wie lichtgefüllte Wasserblasen aus der wellenförmigen Akustikdecke auftauchen. Produziert worden sind die Unikate knapp 600 Kilometer von Hamburg entfernt, immerhin auch an der Elbe, genauer im tschechischen Novi Bor im Elbsandsteingebirge.

Der Bereich der Plaza wird mit 870 Zumtobel-Kunststoffleuchten mit einer Farbtemparatur von 3000 K beleuchtet, sie lassen sich stufenlos über DALI dimmen und sind etwa zu einem Drittel in das Notlichtsystem eingebunden. 

Keine Beeinträchtigung der Schifffahrt

Speziell für das Foyer und die Garderobe vor dem Konzertsaal hat Zumtobel eine Hybridleuchte mit handgefertigter Leuchtstoffröhre und einem RGB LED-Modul entwickelt, beide lassen sich via DALI getrennt voneinander steuern. Über das RGB LED-Modul sind je nach Stimmung und Veranstaltung die gewünschten Farben für die „emotionale Effektbeleuchtung“ einstellbar, wie Dennis Just erläutert. Eine Ausnahme beziehungsweise Einschränkung gebe es aber doch: „Wir müssen darauf achten, dass wir keine Farben verwenden, die auch als Signalfarben in der Schiffahrt zum Einsatz kommen, um etwa im Hafen einfahrende Kreuzfahrtschiffe nicht zu irritieren.“, verrät er.

Für den richtigen Ton im großen Konzertsaal sorgt kein komplexes Soundsystem. „Vor allem kommt es auf den ursprünglichen und reinen Klang der Instrumente und Stimmen an“ erklärt Dennis Just den Umstand, warum man sich für ein im pilzförmigen Reflektor im Deckengewölbe montiertes Lautsprecher Array mit sechs Meyer Sound CAL 64 (Column Array Lautsprecher) entschieden hat. „Sie lassen sich zudem auch für die Sprachalarmierung oder für Reden und Ansagen einsetzen. Dass der Saal trotz zentralem Installationspunkt weitestgehend abgedeckt wird, dafür sorgt die so genannte Beam-Steering-Technologie. Während im Parkett weitere CAL-Zeilenlautsprecher zum Einsatz kommen, werden die oberen Ränge, die vom Central Cluster Lautsprechersystem nicht erreicht werden, über Stützlautsprecher in der Decke akustisch versorgt.

Fünf digitale Tonmischpulte über Ravenna-Netzwerk verbunden

Um flexibel zu sein, gibt es für den Großen Konzertsaal wie für die anderen Säle keine feststehenden Geräte oder Regie-Arbeitsplätze: „Je nach Bedarf positionieren wir die Konsolen, Pulte, Mischer und weitere Technik, wie wir es gerade brauchen, das wechselt also von Veranstaltung zu Veranstaltung“, erklärt der Chef-Techniker.
Im Kleinen Saal sowie in den Kaistudios hat Amptown System Company Komponenten der Y- und E-Serie von d & b Audiotechnik eingesetzt und jeweils ein mobiles Soundsystem installiert. „Damit sind wir höchst flexibel, können den Kleinen Saal für verschiedenste Events nutzen, neben Jazz und Kammermusik lassen sich hier auch Lesungen, Vorträge oder Tagungen realisieren“, so Technikchef Dennis Just.

Die Beschallung der beiden Säale und des Kaistudios haben die ASC-Techniker mittels fünf digitalen Tonmischpulten aus dem Hause Lawo realisiert. Sie wurden in Abstimmung mit dem Norddeutschen Rundfunk (NDR) in die digitale Audio-Infrastruktur eingebunden. Künftig soll bei parallel stattfindenden Übertragungen aus mehreren Säalen ein Ü-Wagen des NDR an das Ravenna-AES67-Netzwerk angebunden werden können. Damit alle Audiokonsolen Zugriff auf die überall im Haus befindlichen Dallis I/O-Systeme haben und eine abgestimmte Rechteverwaltung ermöglichen, sind sie über einen Nova 73 Router via Ravenna miteinander verbunden.

Dank Gerriets kann die Nachhallzeit optimal angepasst werden

Darüber hinaus sorgen in beiden Säalen Akustiklösungen von Gerriets für perfekte Klangerlebnisse. So wurden allein im Großen Saal 81 motorisierte und variable Doppelrollbanner, die aus dem Parkett hochgefahren werden, installiert. Dank der Variabilität der Module lässt sich die Nachhallzeit je nach Bedarf optimal anpassen.

Für die Hinterbühne des Orchesters lieferte Gerriets außerdem vier TRUMPF 95-Schienensysteme inklusive motorischer FRICTION DRIVE Antriebe sowie hoch schallabsorbierende Vorhänge ABSORBER CS.

Modernes CAT-Steuerungssystem von Waagner-Biro

Bühnentechnisch gesehen kommen hochmoderne Systeme zum Einsatz. Das Podium verfügt über 31 elektrisch höhenverstellbare Podeste, die im Halbkreis den Bühnenbereich abdecken und je nach Anforderung das gewünschte Bühnenniveau ermöglichen. Die vorderen vier Podestringe sind 1,5 Meter tief, die hinteren drei Ringe verfügen in der Mitte der Bühne über die Hälfte der Tiefe und laufen seitlich etwas breiter aus. Die Gesamtfläche der Bühne beträgt zirka 260 Quadratmeter, der effektiv bespielbare Bereich zirka 18 mal 15 Meter.

Waagner-Biro installierte für den Großen und den Kleinen Musiksaal die komplette Ober- und Untermaschinerie mit einem hochmodernen CAT-Steuerungssystem. Allein im Großen Musiksaal montierte Waagner-Biro 33 Kettenzüge, 26 Scherenhubpodien, 24 Mikrofonwinden, sechs Prospektzüge und fünf Sekundärpodien.

Um die Raumakustik als auch die Deckenoptik zu perfektionieren, wurde die Saaldecke aufwändig gestaltet. Sie weist für Ketten- und Prospektzüge sowie für die Mikrofonwinden Öffnungen auf, die verschlossen sind, wenn die Technik nicht benötigt wird.

Aufwändige Inspizientechnik

ASC hat als Spezialist für die Licht- und Beschallungs- beziehungsweise die Inspiziententechnik für die Elbphilharmonie sieben Inspizientenpulte mit SPS-basierter Adunas-Mediensteuerung gebaut. Zwei der Pulte für den Großen Saal bieten die Möglichkeit, verschiedene Licht- und Tonsignalzeichen im Backstagebereich zur reibungslosen Steuerung von Abläufen hinter der Bühne zu ermöglichen. Von hier aus sind zudem Bildaufzeichnungen von Produktionen oder Ansagen an das Publikum möglich.

Außerdem realisierte ASC die komplette Stromunterverteilung für die szenische Beleuchtung. Angeschlossen sind ETC Dimmeranlagen mit 560 Kreisen für die drei Konzertsäale, deren Steuerungssysteme sowie Lichtmischpulte von MA-Lighting. Über das ganze Haus sind Versatzkästen verteilt, an denen Steuersignale und Spannung für die Scheinwerfer abgenommen werden können.

Für den Projektauftrag Elbphilharmonie hatte ASC mit Stefan Thomsen einen ausgewiesenen Experten für Kommunikationssysteme mit an Bord geholt. Laut ASC-Geschäftsführer Leif Witte war die Mitwirkung an dem „Jahrhundertprojekt“ Elbphilharmonie nicht zuletzt auch eine Bestätigung für das innovative Know How seines Unternehmens: „Unsere Inspizientenpulte mit SPS-basierter ADUNAS-Mediensteuerung geben dem Inspizienten alle Werkzeuge in die Hand, um Proben und Aufführungen sicher zu dirigieren.“


Die große Story zur Eröffnungsfeier der Elbphilharmonie finden Sie in der pma Ausgabe 02/2017.

Diesen Artikel finden Sie auch in unserer pma Ausgabe 04/2017.


Bilder: Thomas Korn,
HamburgMusik gGmbH