Claire Live – Große Show im Club-Format

Die Konzerte der Elektro-Pop-Band Claire begeistern mit einem unglaublich druckvollen Sound und einer Lightshow, die man bei Konzerten dieser Größenordnung nie erwarten würde. Keine leichte Aufgabe für die Techniker, denn der Sound wird komplett live gespielt und das Lichtbudget ist begrenzt.

Die Bühne ist in schummriges, blaues Licht gehüllt, Synthesizer-Flächen und ein langsames Arpeggio füllen den Raum. Am vorderen Bühnenrand steht Josie-Claire Bürkle im Nebel, ihre Stimme wirkt wie eingebettet in den warmen Elektro-Sound der Band. Im Hintergrund bringen unzählige LEDs einen überdimensionalen Diamanten zum glitzern.

Der Sound schwingt um. Das verspielte Synthie-Arpeggio wird schneller und aggressiver. Es blitzt und die Beams der Movingheads schneiden sich durch den Nebel. Der Sound wird härter. Der Strobe-Effekt wechselt zu einem Meer aus Beams und ACL-Lights. Der Beat setzt ein und geht druckvoll in den Magen und in die Beine. Das Publikum grölt, jubelt und fängt an zu tanzen. Auch Josie-Claire Bürkle tanzt und ihre anmutigen und fließenden Bewegungen werden umrahmt von einem beeindruckenden Licht- und Soundgewitter. Nein. Wir sind nicht in der Olympiahalle und auch nicht bei einer US-Top-Produktion. Wir sind bei Claire in der Muffathalle in München.

Claire ist eine Elektro-Pop-Band, deren Konzerte eher an einen Rave erinnern, als an einen Gig. Trotzdem wird alles live gespielt. Die Synthesizer werden virtuos und technisch versiert von Matthias Hauck und Nepomuk Heller bedient. Florian Kiermaier spielt E-Gitarre und Fridolin Achten ein akustisches Schlagzeug mit einigem elektronischen Zubehör. Auch die Sängerin Josie-Claire Bürkle, die mit ihrer kraftvollen Stimme allzeit perfekt intoniert, greift ab und an zu den Drum-Pads.

Ebenso virtuos bedienen die Techniker ihre Instrumente: Achim Lindermeir an der Roland M5000c Konsole am FoH und Bernhard Kühne am Monitorplatz und einer M5000. Das Licht fährt Thomas Kosslick. Mit auf Tour sind nur die Roland Audio-Konsolen, Mikrofonierung und Bühnenverkabelung, Shure PSM1000 In-Ear-Systeme, sowie ausgewähltes Licht-Equipment von Steinigke Showtechnic.

Wir haben uns mit den Technikern über das Setup der Show, die Audio-Konsolen und das Licht-Equipment unterhalten:

FoH und Monitor

pma: Das Setup der Band ist durch die vielen Synthesizer ziemlich komplex und der Sound ist ziemlich fett. Funktioniert die Band in jeder Location?

Achim Lindermeir:
Die Band ist wirklich detailverliebt in ihrer Soundauswahl. Sie produzieren und arrangieren schon so, dass bei uns Top-Signale ankommen. Das ist dann auch Live ihre Stärke. Manchmal muss man zwar ein paar Kniffe anwenden, aber man kann sie auch in einem kleinen Club zum klingen bringen.

Bernhard Kühne: Claire funktioniert überall, weil das Grundmaterial schon ziemlich ausgecheckt ist und wir viel miteinander arbeiten. Auch beim In-Ear kommen sehr konkrete Ansagen wie z.B. „das Signal um ein dB lauter oder ein Halbes leiser.“ Wir fahren eine Snapshot-Show – Jeder Song hat einen eigenen Snapshot auf dem Pult, so dass man die verschiedenen elektronischen Signale, die doch immer auf den gleichen Kanälen anliegen, pro Song dezidiert anpassen kann. Mit den Kanal-EQs muss ich während der Show nicht mehr großartig arbeiten.
Zum leveln und gainen verwenden wir Pegeltöne. Wir können so beispielsweise auf Festivals alles auf ein fixes Level bringen, egal mit welchem Pult. Und haben dann ein komplettes Grundgerüst mit dem wir gleich los legen können.


pma: Wie ist das Bühnenkonzept mit den vielen akustischen und elektronischen Instrumenten aufgebaut?

Achim Lindermeir:
Für das Bühnenkonzept mussten wir uns einiges überlegen, da die Jungs auf der Bühne Ihre Synthies über Sidechain Kompressoren prozessieren, was eine aufwändige Verkabelung zur Folge hat. Dafür haben wir ein "Mutter-Rack" gebaut, wie wir es nennen, in dem alle Signale hin- und zurückgeführt, teilweise auch summiert werden.

Bernhard Kühne: Die Synths werden von Stage-Left über RNC-Kompressoren getriggert und geduckt, teilweise wieder an die Synths zurück geschickt und dann an die Pulte übergeben.

Achim Lindermeir: Es kommen alle Bass-Synths zusammen auf einen Stereo-Kanal, sowie auch alle elektronischen Drumsounds vom SPDS des Drummers, und den Drummachines von Matthias Hauck, aufgeteilt auf Kick, Snare und Drumrest in Stereo.

Bernhard Kühne: Bereits während der Studio-Produktion hat man sich schon Gedanken gemacht, wie man das später Live umsetzen kann.

pma: Wie viele Pult-Kanäle sind bei der Produktion belegt?

Achim Lindermeir:
Es sind mit Ambience und Kommunikation 37 Inputs. Wir bleiben absichtlich unter 40 Kanälen, was den Roland Pulten geschuldet ist. Wir wussten dass wir mit den Pulten auf Tour gehen und haben das Setup daher auf unter 40 Kanäle festgelegt.

pma: Wie habt ihr euch untereinander verkabelt? Arbeitet ihr mit getrennten Gains?
Bernhard Kühne:
Nein. Ich bin am Monitorpult Gain-Master. Aber wir wissen auch was wir wie und wo haben wollen und das funktioniert wunderbar und stressfrei. Das ist auf dem Pult auch clever gelöst, man muss allerdings wissen, wie es funktioniert.

Achim Lindermeir: Bernhards Pult hat eine zweite REAC-Karte eingebaut, die komplett autonom arbeitet und 40 Kanäle an den FoH weitergibt. Darüber werden dann teils Stagebox-Kanäle geroutet oder eben eine Matrix aus dem Mix. Das Ganze ist flexibel patchbar. Die Routing-Möglichkeiten beim M5000 sind echt super. Aber wie jedes Pult hat es natürlich auch so seine Kleinigkeiten.

Bernhard Kühne: Beim Monitor ist es zur zeit noch ein bisschen schwierig, aber das bessert Roland bestimmt noch nach. Ich kann meine Solo-Schiene nicht auf meine Matrix routen, was für mich zwingend wichtig ist um die Kommunikation von allen Beteiligten auf der Bühne zu gewährleisten. Das ist momentan ohne cheaten noch nicht möglich.

pma: Gibt es einen Support von Roland um beispielsweise genau solche Dinge anzusprechen?
Achim Lindermeir:
Ja, den gibt es. Der kommt auch morgen beim Gig in Stuttgart vorbei. Und natürlich gibt es einen guten Telefonischen Support, den wir anfangs auch gebraucht hatten. Beispielsweise bei der Gain-Sharing-Funktion, die zuerst nicht so wollte wie wir, aber nach einem Telefonat sonnenklar war und auch spitze funktioniert. Der Support von Roland ist absolut cool. 

pma: Warum fiel euere Wahl auf die Roland M5000?

Achim Lindermeir:
Im Endeffekt ist es so, wie bei jeder kleinen Produktion: Du musst sehen, wie du deine Ressourcen schonst. Ich glaube man kann schon offen sagen, dass uns Roland bei der Tour sehr entgegen kommt. Und durch den guten Kontakt mit Roland, der schon länger besteht, lag es eben nahe, dass wir die Tour mit Roland machen. Wir haben auch gar nicht nach anderen Konsolen geschaut. Ich persönlich bin nicht auf eine Konsole oder einen Hersteller eingeschossen – ich genieße es sogar, in der Festival-Saison mit vielen verschiedenen Pulten arbeiten zu können und mit unterschiedlichen Konzepten fit zu sein.

Bernhard Kühne: Ein großer Vorteil der Konsolen ist das Gewicht. Für die Club-Shows und die kleinen Hallen ist es optimal, dass die Pulte so leicht sind. Achim Lindermeir: Auch mit dem Klang bin ich sehr zufrieden. Momentan arbeiten wir noch mit 48 kHz, weil wir am Anfang der Tour immer mitschneiden. Der Dante-Stream dafür läuft zur Zeit nur auf 48 kHz. Das werden wir aber in ein paar Tagen auf 96 kHz hoch schalten. Das gibt wirklich noch mal einen Sound-Unterschied. Was nach draußen ins Publikum geht, ist natürlich immer auch von der Auflösung der PA abhängig, aber für den Monitor-Sound macht das einiges aus. Die Musiker bekommen den Switch von 48 kHz auf 96 kHz auch ohne Ansage mit. Da kommen dann so fragen wie: „Was hast du heute mit dem In-Ear gemacht? Das ist so unglaublich klar und transparent.“


pma: Habt ihr die Pulte über einen Verleiher oder direkt von Roland bekommen?

Achim Lindermeir:
Das ging direkt über Roland. Janosch Riemann, der Produktmanager AV fand die Band schon immer geil und hat mich letztes Jahr einmal angesprochen, ob ich nicht ein Roland Pult mitnehmen möchte. Allerdings hatten wir im letzten Jahr nicht allzu viele Claire-Shows, aber das Interesse war schon da. Bei der Tour von Andreas Kümmert hatte ich auch die kleine M5000c dabei. Da kam der Monitor-Mix vom FoH und ich war sehr angetan von dem Pult. Ich konnte mir ein wunderschönes Setup im aufbauen, weil die Konsole ja intern 128 Kanäle verwalten kann. So konnte ich mit dem doch sehr kleinen Pult einen kompletten Y-Split für die Monitor-Mixes fahren. Als es dann um die Claire-Tour ging, war Roland sofort bereit uns zu unterstützen.

pma: Kommt neben den Pulten auch Outboard-Equipment zum Einsatz?

Achim Lindermeir:
Ich habe noch ein Universal Audio Apollo-Interface dabei, mit ein paar Plugins, wie dem Fatso Jr. für die Drumgruppe, Neve 33609 und Maag EQ4 für die beiden Vocals und den AMS RMX16, den die Band schon im Original im Studio benutzt hat. Für die Summe nutze ich einen Maxx BCL von Waves. Direkt am Pult hängt also mein Apollo mit sechs Kanälen und ein Stereo-In-Ear für Tommy am Licht-Pult, damit er die Lichtshow auch so tight fahren kann wie nötig – er hat auch den Klick-Track mit drauf. Da nur noch ein AES/EBU I/O frei ist, hab ich noch einen Lake-Prozessor dabei, der die Signale zur PA in L/R/Sub und Nearfill aufteilt. 

Die Lichttechnik

pma: Das Lichtdesign der Show erinnert teilweise eher an einen Rave, als an ein Konzert. Ergibt sich das zwangsläufig aus dem Sound der Band?

Thomas Kosslick:
Ich denke das ergibt sich aus der Kombination der Musik, dem was sich die Band vorstellt und dem, wie ich nunmal Licht mache. Da wir zum Glück alle eine ähnliche Vorstellung haben, komme ich mit der Band zum Glück immer recht schnell zu einem Ergebnis.

pma: Ein großartiger und mir bis heute unbekannter Effekt ist der, die Künstlerin in einem Karree aus bewegten Lichtstrahlen erscheinen zu lassen. Wie und mit welchem Equipment wurde das umgesetzt?

Thomas Kosslick:
Das ist eigentlich gar kein großer Aufwand: Man nehme eine Beam-Lampe mit funktionierendem Fokus und Zoom, in diesem Fall waren es Futurelight PLB-280, ein Acht-Facetten-Prisma und eine Sängerin, die weiß, wann sie wo zu stehen hat.

pma: Die Lichtshow wirkt im gesamten Set sehr opulent, obwohl auf der Bühne relativ wenig Equipment zu sehen ist. Wie kommt eine so große Show mit so "kleinem Besteck" zustande?

Thomas Kosslick:
Wir haben versucht mit verhältnismäßig wenig Material große Bilder zu erzeugen. Ich gehe dabei meistens so vor, dass ich nicht gleich beim ersten Song mein ganzes Pulver verschieße. Außerdem gebe ich den einzelnen Lampen ihren Platz um möglichst große Effekte zu erzeugen. Dabei passiert auch viel über Dynamik. Wenn immer alles an ist und voll auf die Mütze geht, passiert bei den wichtigen Stellen nicht mehr viel.

pma: Welches Equipment ist mit auf Tour?

Thomas Kosslick:
Auf der Tides-Tour hatten wir ein Floor-Setup dabei, welches uns Steinigke Showtechnic zur Verfügung gestellt hat. Dieses bestand aus sechs Futurelight PLB-280 Beam Movingheads und acht Eurolite TMH-25 X25 Zoom LED-Panel Movingheads, welche alle einen hervorragenden Job gemacht haben. Zusätzlich haben wir unseren LED-Diamanten dabei, der sich aus dem Bandlogo von Claire ergab und den ich mit der Firma Subport aus Berlin entwickelt und gebaut habe.
Die Haus-Lichtanlagen habe ich genau so genommen, wie sie nunmal in den jeweiligen Clubs vorhanden waren. Aus diesem Grund habe ich versucht mit dem Floor-Setup so gut es geht autark zu sein und im Zweifelsfall komplett ohne Haustechnik auszukommen.


Dieser Beitrag ist auch in der pma-Ausgabe 05/17 nachzulesen!

Text, Interviews & Fotos:
Steffen Sauer