Blumentopf - die letze Show - im Zenith München

Blumentopf haben seit 1992 die deutsche Hip-Hop-Geschichte mitgeschrieben – nun sind sie selbst Geschichte: Am 22. Oktober 2015 gaben sie ihre Auflösung bekannt, genau ein Jahr später spielten sie im innerhalb weniger Stunden ausverkauften Münchner Zenith ihre wirklich allerletzte Show.

Blumentopf – anfangs noch Da Blumentopf, später der T.O.P.F oder einfach die Töpfe – entwickelten sich Mitte der 1990er Jahre zur ersten deutschlandweit erfolgreichen HipHop-Crew aus München.

Die Musik der „Jungs aus dem Reihenhaus“ wurde von den großmäuligen Vertretern des Genres gern als Studenten-Rap gedisst – was die Band aber nie sonderlich zu interessieren schien, weil sie immer wussten, was sie im Unterschied zu so manchem Dicke-Hose-Bad-Boy wirklich gut konnten: mit Reim-Skills und Wortwitz Geschichten erzählen.

1992 in Freising bei München gegründet, brachten die fünf Freunde Cajus Heinzmann, Roger Manglus, Bernhard Wunderlich alias Holunder, Florian Schuster aka Kung Schu und Sebastian Weiss (DJ Sepalot) 1997 ihr erstes Album „Kein Zufall“ heraus.  Es folgten sechs weitere Long-Player, Fußball-„Raportagen“ für die ARD und unzählige Konzerte auf immer größeren Bühnen und Festivals. 2012 erschien mit „Nieder mit der GbR“ die letzte Studio-Produktion und eine Live-DVD unter gleichem Namen. Und – nomen est omen – läutete der Titel wohl auch ganz langsam das selbstgewählte Ende von Blumentopf ein: Nach fast 25 erfolgreichen Jahren gaben die Töpfe Ende 2015 ihre Auflösung bekannt.

Am 22.10.2016 verabschiedete sich die Band mit einem „Finale dahoam“ im Münchner Zenith endgültig von ihren Fans.


Die Beschallung

Die Blumentopf Technik-Crew besteht seit Jahren aus Detlef Bienert am FoH, Ralf Steyrer am Monitor und Dirk „Ginseng“ Neuhäuser am Licht-Pult. Als System-Operator für die Beschallungstechnik war im Zenith Marc Greiss vom örtlichen Veranstaltungstechnik-Dienstleister Rain Age aus Landsberg am Lech verantwortlich.

Die PA bestand komplett aus Lautsprechern von L-Acoustics, als Main-System kamen pro Seite zwölf K2 zum Einsatz. Als Outfills dienten in der alten, akustisch schwierigen Industriehalle je sechs geflogene Kara, sechs Arcs Wide versorgten das Nahfeld vor der Bühne.

Insgesamt 24 SB 28 Subwoofer in sechs symmetrisch vor der Bühne verteilten Cardioid-Stacks sorgten für einen dicken Bass. „Wir sind mit Rain Age relativ häufig hier im Zenith, insofern kenne ich die Halle recht gut und weiß, was zu beachten ist“, so Marc Greiss. „Das Problem hier sind unter anderem die Reflexionen im Dach und das Verhältnis von Länge und Breite. Im Bass-Bereich darf man die Energie hier nicht in die Seiten verteilen, um die Halle nicht unnötig anzuregen. Deshalb habe ich die Subs als Endfired-System konzipiert, um möglichst gerichtet arbeiten zu können. Der Trim der PA ist relativ hoch, um für alle eine einwandfreie Sicht auf die Bühne zu ermöglichen. Deshalb hatten wir beim Soundcheck sehr viele Boden-Reflexionen, die aber später bei ausverkauftem Haus keine Rolle mehr spielen – das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht“, wie Greiss erklärt.

Beim Einmessen der PA vertraute er auf die PC-Software „Live Capture Pro“, die man im Gegensatz zu gängigen Programmen wie Smaart oder SysTune eher selten auf Produktionen dieser Größenordnung sieht. Für das Processing nutzte der System-Operator neben L-Acoustics Network-Manager zwei Lake LM 44, über die das FoH-Signal via AES/EBU-Leitungen mit analogem Fallback auf die LA8-Systemverstärker geschickt wurde. Aus der Yamaha CL5 am FoH bekam Greiss von Detlef Bienert eine einfache Stereo-Summe, die durch einen Waves MAXX BCL-Prozessor lief.

Bienert betreut Blumentopf bereits seit 2011. Davor war er unter anderem lange Jahre als Monitor-Mann mit Sportfreunde Stiller unterwegs, für die er mittlerweile ebenfalls am FoH steht. „Ich mag den Workflow auf den Yamaha-Pulten und finde, dass die CL-Serie auch hervorragend klingt“, so Bienert zur Wahl seiner Konsole. „Den Waves-Prozessor nutze ich je nach Anforderung – heute komprimiere ich das Summen-Signal nur ganz leicht. Manchmal muss ich aber aufgrund von Lautstärke-Auflagen aber auch krasser eingreifen, dann verwende ich ihn als Limiter, um den Sound trotz Auflagen fett machen zu können. Und bei einer PA mit zu wenig Bass kann man mit dem MAXX BCL auch noch einiges rausholen – was heute aber definitiv nicht notwendig ist,“ wie er lachend erzählt.

Zu mischen hatte Bienert insgesamt 42 Inputs: die Live-Band mit Schlagzeug (Fabian Füss), Bass (Florian Laber), Gitarre (Dirk Brechmann) und Keyboards (Sebastian Osthold) sowie DJ Sepalot und acht drahtlose Vocal-Mikros (Shure UR-Serie mit SM 58 Kapsel) für die fünf Töpfe und drei Gäste. Nicht zu vergessen die zwölf Musiker der Blaskapelle Münsing, mit der die Band standesgemäß den Hit „Fenster zum Berg“ performte. Die Instrumente wurden allesamt mit Live-Mikrofon-Klassikern abgenommen: Audix D6 (Kick-Drum), Shure SM57 (Snare), Sennheiser e904 (Toms) und e906 (Gitarren-Amp) sowie Roede NT5 (HiHat und Becken Under-Heads).

Die DI-Boxen für Keyboards und Bass stammten von Radial, bis auf ein Stereo-Signal aus dem Sampling Pad des Drummers waren nur Live-Signale zu hören. Die Herausforderung am FoH bestand, laut Bienert, vor allem darin: „Wir haben bis zu acht Vocal-Mics gleichzeitig offen, die sich alle auch noch ständig bewegen. Dazu kommt dann natürlich noch der alte HipHop-Klassiker „Kapsel-Zuhalten“ – das macht sich beides soundtechnisch schon bemerkbar. Ich kompensiere das mit pultinternen Plugins wie verschiedenen Kompressoren, dynamischen EQs und De-Essern.“ Abgesehen vom vorher schon erwähnten Waves MAXX BCL setzte Bienert keinerlei externes Outboard-Equipment ein.


Die Signale wurden auf der Bühne über analoge Klark Teknik-Splitter auf die FoH- und Monitor-Stage-Boxen verteilt. Am Monitor-Platz stand Ralf Steyrer, der den Bühnen-Sound auf einer Allen & Heath dLive S3000-Konsole mischte: „Ich war vorher kein besonders großer A&H-Fan, aber als die dLive-Serie herausgekommen ist, hab ich relativ viel darüber gelesen und fand das Konzept sehr interessant. Da hab mir gedacht, das probiere ich jetzt einfach mal aus. Ich hab mich dann mal einen Tag lang mit Multi-Track-Aufnahmen ausführlich mit dem Pult beschäftigt. Es klingt hervorragend, ist schön zu bedienen und von den Dimensionen her super kompakt, sodass ich es seit dem Sommer auch auf allen Festivals mit dabei hatte.

Ein cooles Feature ist zum Beispiel, dass man sich einen Input fest mit auf den Cue-Mix legen kann. So höre ich in meinem Fall immer das Talkback-Signal vom FoH mit ab, was sehr praktisch ist,“ so Steyrer, der ansonsten für Bands wie die Bananafishbones oder Dreiviertelblut auch FoH-Sound macht. Die fünf Blumentöpfe und drei Gast-Rapper nutzten alle PSM 1000 IEM-Systeme von Shure mit SE215 Standard-Ohrhörern, Ralf Steyrer seine eigenen angepassten VE6 des Kölner Herstellers Vision Ears.

Links und rechts auf der Bühne gab es als Backup-System je ein Stack aus einem LA SB28 und zwei Arcs, der Drummer wurde über ein Fischer Amps Drum-IEM plus SB18 Subwoofer versorgt, die restliche Band über LA 115 XT HiQ und für die Blaskapelle gab es auf deren Plattform ebenfalls zwei baugleiche Wegdes auf Stativen als Side-Fill. „Die Herausforderung für mich war heute vor allem die relativ knapp bemessene Zeit für so viele Leute auf der Bühne – abgesehen von der Halle, die sich soundtechnisch natürlich auch im Monitor bemerkbar macht. Aber jetzt passt alles und ich freue mich wirklich nochmal auf die Show,“ so Steyrer nach dem Soundcheck. Neben dem Monitor-Pult war ein MacBook Pro mit Tracks Live-Software von Waves zu finden, mit der das Konzert über einen Dante-Stream fürs Archiv mitgeschnitten wurde.

Ein weiterer Dante-Stream für eine TV-Produktion für das Jugend-Programm PULS des Bayerischen Rundfunks wurde über die beiden Yamaha Rio 3224-D Stage-Boxen abgegriffen. Für die Fernseh-Aufzeichnung war Lou Widemann von der Südkino Filmproduktion GmbH verantwortlich, Regie führte Bernadette Huber. Der einstündige Best-Of Live-Mitschnitt des Konzerts ist auf dem YouTube-Channel pulsmusik zu finden.


Licht & Bühne

Das Bühnen- und Lichtdesign stammte von Dirk Neuhäuser, der Blumentopf bereits seit dem Jahr 2000 betreut und als „Dienstältester“ von der Band vor der Show ganz speziell geehrt wurde. „Es hat mir all die Jahre wirklich riesigen Spaß mit den Jungs gemacht! Heute gilt es hauptsächlich, meine Emotionen im Griff zu behalten und nochmal eine allerletzte gute Show abzuliefern,“ wie Neuhäuser vor dem Konzert verrät. „Die Vorgabe von Blumentopf war, dass das Bühnenbild die Gemeinschaft von Band und Musikern widerspiegelt. Es sollte – trotz der großen Bühne – nicht übertrieben wirken und kein Video beinhalten, weil die Aufmerksamkeit des Publikums voll und ganz auf dem Live-Geschehen liegen soll. Wir haben dann Anfang des Jahres einen Ortstermin hier im Zenith gemacht, weil wir vor so großem Publikum natürlich schon auf Open-Air-Festivals gespielt haben, aber noch nie als Main-Act in einer Indoor-Location mit solchen Dimensionen. Mit dem Ergebnis, auf das wir fast ein Jahr lang hingearbeitet haben, bin ich jetzt aber sehr zufrieden!“

Auf der Bühne war im mittleren Drittel fast über die komplette Breite eine fünfstufige Treppe gebaut, auf der mittig der DJ und seitlich die Live-Band thronte, dahinter gab es noch eine weitere, drei Meter hohe Plattform für die Blaskapelle. Das komplette Licht-Equipment stammte ebenfalls von Rain Age.

Als Licht-Pult stand eine grandMA2 full-size am FoH, eine weitere in der light-Variante diente als Back-Up. „Ich hatte ursprünglich zwar mit anderen Lampen geplant, bin aber mit dem Equipment sehr zufrieden und gerade von den High End Systems SolaSpots sehr positiv überrascht“, so Neuhäuser. Auf dem Boden standen 20 GLP impression X4 sowie einige Blinder und Strobes, die drei Trusses waren folgendermaßen bestückt: 10 x SolaSpot Pro 1500, 6 x GLP impression X4, 6 x 8-Lite-Blinder (Front), 6 x SolaSpot, 6 x X4, 6 x Martin Rush MH3 und 4 x Blinder (Mitte), die Back-Truss identisch, nur ohne Blinder. In das hintere Podest waren noch zwei (anfangs hinter einem Vorhang versteckte) Fächer aus je drei MH 3 sowie einem Strobe und einem 4-Lite integriert. Zusätzlich gab es am FoH noch eine B-Bühne, laut Neuhäuser, „ganz Jugendhaus-stylemäßig nur von unten mit LED-Strips im 3-Kanal-Modus bestückt.“

Die Show

Eröffnet wurde die Show mit einer minutenlangen Rück-Projektion aus einem Laptop auf der Bühne: Auf einem Kabuki, der die komplette Bühne verhüllte, liefen wie im Abspann eines Kino-Films alle Gig-Daten der Töpfe von 1992 bis 22.10.16. Dann fiel der erste Vorhang und die Töpfe legten nach einem kurzen Intro gleich stilgemäß mit „Antihelden“ los und brachten die rappelvolle Halle schlagartig zum Kochen. Das über dreistündige Programm bestand aus vielen Medleys und allen Hits, die das Publikum begeistert und textsicher mitfeierte.

Nach „Affentanz“ ging es auf „Party-Safari“, vor „Fenster zum Berg“ fiel ein weiterer Kabuki und gab den Blick auf die Blaskapelle upstage frei. Mit ihrer Freundin Johanna sangen Blumentopf „Da läuft was schief“, David P. von den Münchner Weggefährten Main Concept läutete einen langen Freestyle ein und zusammen mit den österreichischen Oldschool-Kollegen von Texta gaben sie das selbstironische „Alt“ zum Besten. Detlef Bienerts präziser und grooviger Live-Mix kam dank Marc Greiss routiniertem Sound-Design klar, druckvoll und gut verteilt zur Geltung, Dirk Neuhäuser untermalte die Show mit seinem geschmackvollen Licht-Konzept stilsicher mit schönen Bildern.

Auf der winzigen B-Bühne vor dem FoH erzählten Blumentopf gegen Ende des Konzerts dann noch einmal in einem Medley von in ihren Anfangstagen, bevor es bei „Liebe & Hass“ für die Zugabe durchs Publikum zurück auf die große Bühne ging. Mit dem melancholischen „Blattgold auf Anthrazit“ verabschiedete sich eine der erfolgreichsten deutschen HipHop-Bands dann endgültig von den restlos begeisterten 7.000 Fans. Dann fiel vor der Bühne der wirklich allerletzte Vorhang, darauf in riesigen Lettern nur ein einziges Wort: DANKE.

„ … Ein bisschen traurig ist das schon. Da wird etwas fehlen. Aber der Zeitpunkt war richtig – und Form und Ton auch. Selbstbestimmt. Mit Rest-Wumms. Auf nonchalante Art protzig. Auf selbstbewusste Art offen. Während noch Relevanz da war. Und damit: mit viel Würde. Die Band, die schon immer feine Geschichten schreiben konnte, hat auch die eigene gut zu Ende erzählt. Das ist selten. Und schwer. Aber wenn es gelingt, wunderschön. Alles gut also. Nicht trauern. Feiern. Servus. Und: Danke“, schrieb tags darauf der Kritiker des Jetzt-Magazins über die Show – und: recht hat er. 

Beschallung:

  • 24 x L-Acoustics K2 (Main-PA)
  • 24 x SB 28 Subwoofer (Main-PA, Endfired)
  • 12 x L-Acoustics Kara (Outfills)
  • 6 x L-Acoustics Arcs Wide (Nearfill)
  • FoH-Konsole: Yamaha CL5
  • Monitor-Konsole: Allen & Heath dLive S3000

Lichttechnik:

  • High End Systems SolaSpots
  • 20 x GLP impression X4
  • 10 x SolaSpot Pro 1500 (pro Truss)
  • 6 x GLP impression X4 (pro Truss)
  • 6 x 8-Lite-Blinder (pro Truss)
  • 6 x SolaSpot (pro Truss)
  • 6 x X4 (pro Truss)
  • 6 x Martin Rush MH3 und (pro Truss)
  • 4 x Blinder (Mitte, nur Front-Truss)
  • FoH-Konsole: MA Lighting grandMA2 full-size
  • Backup: MA Lighting grandMA2 light


Den Artikel finden Sie auch in der pma Ausgabe 1/2017